/ 21.06.2013
Manfred Kittel / Horst Möller / Jiří Pešek / Oldrich Tůma (Hrsg.)
Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich
München: R. Oldenbourg Verlag 2007; XXIII, 615 S.; Ln., 64,80 €; ISBN 978-3-486-58002-0Wie sind die Beneš-Dekrete im gesamteuropäischen Kontext einzuordnen? „Mit welchen gesetzlichen Regelungen versuchten andere vom Dritten Reich besetzte Länder am Ende des Krieges, einheimische NS-Kollaborateure zur Rechenschaft zu ziehen, vor allem aber, wie gingen sie mit den Angehörigen ihrer deutschen Minderheiten um“ (XXI)? Diese Fragen wurden in einem internationalen Projekt gestellt, das auf Anregung des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums und mit Unterstützung des Zukunftsfonds durchgeführt wurde. Im Hintergrund des Projekts stand der Eintritt der Tschechischen Republik in die EU und damit die Frage, inwieweit die tschechischen Gesetze dem EU-Recht entsprechen. In den einzelnen Berichten werden neben dem Nachkriegsgeschehen in der Tschechoslowakei die damalige Situation und das Vorgehen der neuen Regierungen gegenüber den deutschen Minderheiten in Polen, Ungarn, Jugoslawien, Italien, Belgien, Frankreich und Dänemark dargestellt, außerdem die alliierte Entnazifizierungspolitik in Deutschland. Die Länderberichte bestehen aus den Beiträgen der Autoren, in denen teilweise auch Vergleiche zu den jeweils anderen Ländern gezogen werden, und einer Dokumentation der wichtigsten Direktiven, Erlasse und Gesetze. Insgesamt ergibt sich so eine überaus interessante und aufschlussreiche Gesamtschau, bei der sich gravierende Unterschiede zeigen. In Polen hatten die Rechtsakte, auf denen die Vertreibungen der Deutschen und ihre Entrechtung gründeten, einen behelfsmäßigen Charakter, begleitet „von einer erheblichen gesetzgeberischen Unordnung“ (Grzegorz Janusz, 184). In der Tschechoslowakei seien bereits bis zur Entscheidung der Potsdamer Konferenz mehr als 600.000 Deutsche vertrieben worden, wobei es zu Verbrechen, Gewalttätigkeiten und individuellen Unrechtsakten gekommen sei. Für Westeuropa zeichnet sich ein grundsätzlich anderes Bild ab, den deutschen Minderheiten wurde mit weitaus mehr politischem Augenmaß und vor allem an rechtsstaatlichen Prinzipien orientiert begegnet. Eines der herausragenden Beispiele dafür ist das 1948 erlassene Autonomiestatut für Südtirol.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.42 | 4.1 | 2.61 | 2.21 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Manfred Kittel / Horst Möller / Jiří Pešek / Oldrich Tůma (Hrsg.): Deutschsprachige Minderheiten 1945. München: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26639-deutschsprachige-minderheiten-1945_31061, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31061
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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