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/ 18.06.2013
Rolf Reißig

Dialog durch die Mauer. Die umstrittene Annäherung von SPD und SED. Mit einem Nachwort von Erhard Eppler

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2002; 449 S.; kart., 29,90 €; ISBN 3-593-37066-2
Das von SPD und SED 1987 veröffentlichte Papier "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" sei für die SED "eine einmalige Chance" (351) gewesen, die DDR zu demokratisieren, so Reißig. Er war als Mitglied der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED einer der Autoren des Papiers. Bei seiner detaillierten und sehr differenzierten Analyse der Annäherung von SPD und SED und deren Folgen stützt er sich außer auf die eigenen Erinnerungen auf Archivmaterial und Interviews mit 50 Beteiligten und Zeitzeugen, Befürwortern und Gegnern dieses Dialogs. Hauptmotiv von SPD und SED sei gewesen, eine Basis für ein friedliches Nebeneinander zu formulieren. Im Hintergrund stand das atomare Wettrüsten, das als akute Bedrohung der Menschheit begriffen wurde. Im Ideologiepapier wurde der Frieden mit dem Dialog verknüpft, nach außen und innen. Statt diese Chance zu erkennen und ihr System zu reformieren, sei die SED einer Doppelstrategie gefolgt: Nach außen wurde Dialogbereitschaft signalisiert, nach innen Reformverweigerung geübt. Besonders die Bürgerrechtler hätten erfahren müssen, dass die Dialogbereitschaft der SED nur ein leeres Versprechen gewesen sei. Die von Honecker erhoffte Wirkung des Ideologiepapiers - Legitimation für das SED-System - habe sich deshalb in ihr Gegenteil verkehrt: Dem System sei Legitimation entzogen worden, da sich die Versprechungen auf dem Papier und die Wirklichkeit zu sehr widersprachen. Als Motiv der SPD, mit der SED einen Dialog zu versuchen, benennt Reißig die Absicht, auch nach dem Regierungswechsel in Bonn den "Wandel durch Annäherung" weiterzuführen, wofür sie besonders von der konservativen Seite hart kritisiert wurde. "Ob und wie der SPD-SED-Dialog [...] der Opposition genutzt und den Verlauf der politischen Revolution in der DDR beeinflusst [hat], wird jedoch bis heute unterschiedlich gesehen." (362) Aus dem Inhalt: 3. Resonanz, Diskussion und Widerstreit in der SED; 4. Aufnahme und Bewertung durch die evangelischen Kirchen in der DDR; 5. Die Positionen und die kontroverse Debatte in den politisch-alternativen und oppositionellen Gruppen; 6. Die Diskussion und Wirkung des SPD-SED-Papiers in der Bundesrepublik; 7. Internationale Resonanz; 8. Vom allmählichen Aufbruch zum plötzlichen Abbruch des SPD-SED-Parteiendialogs.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.3312.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Rolf Reißig: Dialog durch die Mauer. Frankfurt a. M./New York: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17395-dialog-durch-die-mauer_20027, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 20027 Rezension drucken
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