/ 22.06.2013
François Jullien
Die Affenbrücke. Kulturelle Fruchtbarkeit statt nationaler Identität: über künftige Diversität. Aus dem Französischen von Paul Maerker
Wien: Passagen Verlag 2011 (Passagen Forum); 88 S.; EUR 11,90 €; ISBN 978-3-85165-972-6Affenbrücken sind aus drei Bambusstäben bestehende, grazile Bauwerke, die im südvietnamesischen Mekong-Delta der Überquerung kleiner Flussarme dienen und den Passanten ein hohes Maß an Balancegefühl abverlangen. Vor dem Hintergrund der soziokulturellen Transformation des modernen Vietnams denkt der französische Philosoph und Sinologe Jullien diese fragilen Konstruktionen als Symbol des Konzepts des Einverständnisses („connivence“), das interkulturelle Dialoge anleiten soll. Im Unterschied zur okzidental-szientistischen Idee der Erkenntnis („connaissance“ [63]) degradiert dieses Konzept das Gegenüber nicht zu einem Untersuchungsobjekt, sondern zielt auf einen gegenseitigen Verständigungsprozess zwischen zwei oder mehreren Anderen. Jullien wendet sich somit sowohl gegen die uniformisierenden Integrations- und Modernisierungsprojekte eines paternalistisch-universalistischen Humanismus, als auch gegen den reaktionären Exotismus, der seinen Ausdruck in den Praktiken eines voyeuristischen Tourismus und einer theatralischen Folklore sogenannter indigener Ethnien findet und diese als ein harmloses „entgegenkommendes, auf ewig abhängiges“ (39) Anderes inszeniert. Das Konzept des Einverständnisses sieht hingegen vor, kulturelle Diversität nicht im Register von unversöhnbaren Werten, sondern von kompatiblen Ressourcen unterschiedlicher, geografisch-kultureller Provenienzen zu denken, die sich eine Gruppe aneignen kann, um für ihre Rechte und Interessen zu streiten. Ohne dies explizit zu machen, knüpft Jullien somit an die Paradigmen einer antiessenzialistischen Kultursoziologie an, wie sie im Gefolge des Poststrukturalismus entstanden ist. Die eingeführten Begriffe ermöglichen es, auf produktive Weise über kulturelle Alterität nachzudenken und eine Politik der Selbstverwaltung zu avancieren, die den Willen lokaler Gemeinschaften zum Ausdruck bringen soll. In Anbetracht seiner poststrukturalistischen Anleihen erstaunt es allerdings, dass Jullien den antagonistischen Charakter der Kämpfe um Anerkennung weitgehend vernachlässigt und Verständigung als marktförmigen und machtfreien Austauschprozess imaginiert.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: François Jullien: Die Affenbrücke. Wien: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33633-die-affenbruecke_40278, veröffentlicht am 12.08.2011.
Buch-Nr.: 40278
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
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