Skip to main content
/ 05.06.2013
Theodore S. Hamerow

Die Attentäter. Der 20. Juli - von der Kollaboration zum Widerstand. Aus dem Englischen von Matthias Grässlin

München: C. H. Beck 1999; 458 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-406-44555-1
Die Bewertung der Männer des 20. Juli hat im Geschichtsbewußtsein der Deutschen eine kontinuierliche Wandlung erfahren. Wurden sie im Dritten Reich als Hochverräter diffamiert und verurteilt, änderte sich das Bild in der unmittelbaren Nachkriegszeit: "[I]hr Unternehmen blieb in den Augen der Öffentlichkeit ein großer Irrtum, ja es grenzte an Verrat" (410). Erst mit dem beginnenden Kalten Krieg kam es zu einer Neubewertung des Widerstandes, denn: "Das Vermächtnis des 20. Juli konnte dem demokratischen Experiment der jungen Bundesrepublik in dieser Situation zusätzliche Legitimität verleihen", "die Widerständler [wurden] zu Helden der Freiheit, ja zu Märtyrern der bundesdeutschen Demokratie erklärt" (411) und Theodor Heuss nannte sie 1954 "als Vorreiter und Wegbereiter der neuen demokratischen Ordnung in Deutschland" (415). Wenngleich "eine wachsende Zahl jüngerer Historiker zur hagiographischen Verklärung des Widerstandes auf Distanz gegangen [ist], darf man wohl sagen, daß die Verschwörer des 20. Juli nun die offiziellen Helden und Märtyrer des neuen, vereinigten und demokratischen Deutschlands wurden" (420). So feierte nach Aussagen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1994 "die Bundesrepublik Deutschland [...] den fehlgeschlagenen Staatsstreich mit nicht weniger Inbrunst als das kaiserliche Deutschland einst die Reichsgründung" (420). Hamerow hinterfragt in seiner Untersuchung daher "nicht die Pläne und Aktionen, Strategien und Taktiken dieser Widerständler [...], sondern ihre Ideen und Ideale, Motive und Ziele" (7). Er kommt zu dem Ergebnis: "Als Gegner der Demokratie, Verächter des Pazifismus und Kritiker des 'materialistischen Geistes' hätte die Mehrzahl von ihnen wahrscheinlich nicht viel Verständnis aufgebracht für eine Staatsordnung, in der Volkssouveränität, internationaler Friede und materieller Wohlstand die höchsten Werte darstellen" (420) und: "Ihre tieferen Beweggründe waren vielfältig, ja durchaus gemischt: lokal und universal, opportunistisch und selbstlos, patriotisch und humanistisch, armselig und edel. Doch am Ende setzten sie alles ein und verloren ihr Leben im Kampf gegen ein tyrannisches System. Ist das nicht genug? Die Nachwelt hat vielleicht kein Recht, von denen, die sie zu ihren Märtyrern und Helden erklärt, mehr zu verlangen" (421). Inhalt: I. Der Kampf gegen Weimar: 1. Opposition gegen die Demokratie; 2. Das Joch von Versailles abschütteln; 3. Der Kampf gegen den Materialismus; 4. Die ewige "Judenfrage". II. Die neue Ordnung: 5. Der Zusammenbruch der republikanischen Ordnung; 6. Militär und Drittes Reich; 7. Die Beamtenschaft und das Dritte Reich; 8. Die Katholiken: Kirche, Klerus und Nationalsozialismus; 9. Die Protestanten: Kirche, Geistlichkeit und Nationalsozialismus. III. Die Blütezeit der Kollaboration: 10. Von der Reichswehr zur Wehrmacht; 11. Nazi - Vorherrschaft und bürokratische Anpassung; 12. Der Konflikt um die Unabhängigkeit der Kirchen. IV. Die Anfänge des Widerstands: 13. Im Würgegriff des Totalitarismus; 14. Das diplomatische Spiel mit dem Feuer; 15. Der Weg nach Amageddon. V. Das Dilemma von Sieg und Niederlage: 16. Deutschlands Sieg oder Hitlers Triumph?; 17. Das moralische Dilemma der Hegemonie; 18. Von der Springflut zur Ebbe: am Wendepunkt des Krieges; 19. Auf der Suche nach einem Verhandlungsfrieden. VI. Tod und Verklärung: 20. Am Rande der Befreiung; 21. Ein tödlicher Fehlschlag; 22. Die Passion des deutschen Widerstands; 23. Von Verrätern zu Nationalhelden.
Heinz-Werner Höffken (Hö)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: Theodore S. Hamerow: Die Attentäter. München: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7912-die-attentaeter_10487, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 10487 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA