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/ 12.06.2013
Slavoj Žižek

Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Frank Born

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2011; 335 S.; geb., 22,95 €; ISBN 978-3-10-092589-3
„Der hier vertretene Standpunkt ist natürlich der des Kommunismus.“ (8) – Wie könnte es in einer Fortschreibung von „Auf verlorenem Posten“ (2009) und „Die Tücke des Subjekts“ (2010) auch anders sein. Nur fehlt dieses Mal beim Lesen der Spaß. Waren die Vorgängerbände noch fulminante Feuerwerke aus von Žižek so zurechtgemachten philosophischen Heulern, psychoanalytischen Feuertöpfen und politisch-praktischen Knallfröschen, geht es nun der Demokratie an den Kragen. Ihr wirft er das Fehlen eines festen Prinzips vor – „sie braucht einen antidemokratischen Inhalt, der ihre Form füllt“ (24). Žižek hält es daher für eine notwendige Geste, „die Idee der ‚Demokratie’ selbst in Frage zu stellen, sich woanders hin zu bewegen“ (29). Der Philosoph fordert die Linke auf, aus den Erfahrungen zu lernen und den Kommunismus anwendungstauglich neu zu erfinden. Žižek knüpft dann – zum wiederholten Male und ausgerechnet – an Heidegger an, der 1933 den richtigen Schritt getan habe, als er sich an den Nationalsozialisten orientierte, denn von ihnen habe er so etwas wie eine Kulturrevolution erwartet. Žižek ist allerdings enttäuscht darüber, dass Heidegger auch nach dem Krieg kein linkes Engagement in Betracht zog. Überhaupt reduziert Žižek Heideggers Gesinnung auf, wie er es sieht, nur einen theoretischen Fehler – sein Denken über das Böse und damit über die menschliche Freiheit seien beschränkt gewesen. Diese Feststellung zitiert er allerdings bei Hannah Arendt. Heidegger habe deshalb die Unmenschlichkeit des Holocausts nicht erkannt (nebenbei würdigt Žižek knapp Ernst Nolte für seine Aussage, der Nationalsozialismus sei eine Wiederholung des Bolschewismus gewesen). Es bleibt der Eindruck, dass Žižek trotz dieser theoretischen Blindheit mithilfe Heideggers den – angeblich – leeren Kern der Gesellschaft zu füllen gedenkt. Es ist bedauerlich, dass Žižek von seinem marxistischen Standpunkt aus etwa mit der Habermas’schen Demokratietheorie nichts anfangen kann. Stattdessen beschäftigt er sich mit revolutionären Schrecken und lobt Mao für die ungeheure Leistung, „Hunderte[.] Millionen anonymer Menschen“ (123) mobilisiert zu haben. Die Verantwortung für den millionenfachen Hungertod erwähnt er nicht. Im nächsten Kapitel wird auch noch erklärt, wie „Stalin die Menschlichkeit des Menschen rettete“ (170) – sein Terror sei humanistisch gewesen, weil der Einzelne Subjekt geblieben sei. So viel Zynismus kann wohl nur jemand aufbringen, der den Epochenumbruch von 1989 als „dunkle[.] Katastrophe“ (295) sieht. Als Grundlage für einen der Menschen würdigen Zukunftsentwurf überzeugt diese Betrachtung nicht.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Slavoj Žižek: Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Frankfurt a. M.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14503-die-boesen-geister-des-himmlischen-bereichs_41394, veröffentlicht am 01.12.2011. Buch-Nr.: 41394 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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