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/ 21.06.2013
Wolfgang Wippermann

Die Deutschen und der Osten. Feindbild und Traumland

Darmstadt: Primus Verlag 2007; 159 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-89678-343-1
„Osten“ ist nicht nur eine Himmelsrichtung. Neben dem geografischen gibt es den historischen Osten, aufzufächern in den politischen, religiösen, europäischen und orientalischen Osten – diese vier Osten bezeichnet der Berliner Historiker Wippermann als „Geostereotype“ (9). In diesem Essay fragt er nach ihrer Entstehung, Genese und Funktion und unterzieht sie einer historischen Ideologiekritik. Wippermann beginnt mit der Etablierung der Vorstellung eines christlichen Abendlandes, das sein Heil aus Jerusalem erwartete. Das deutsche Bild des Orients im Mittelalter sei nicht völlig negativ gewesen – wohl aber das deutsche Türkenbild der frühen Neuzeit. Kurzweilig zu lesen sind die Bezüge auf Goethe und Karl May. Dann aber habe sich der Osten in der deutschen Wahrnehmung nach Norden verschoben, zur türkischen sei die russische Gefahr hinzugekommen. „Der ‚Slawismus oder ‚Panslawismus’ wurde zum bevorzugten Feindbild der deutschen Linken. Allen voran Marx und Engels.“ (41) Der Gegensatz zwischen einem „barbarischen Osten“ und einem „zivilisierten Westen“ habe deren politisches Denken bestimmt. Wippermann beschreibt, wie sich dieser Antislawismus mit dem Antisemitismus verband, unterbrochen vom Klischee der „tiefen russischen Seele“, das „an das Stereotyp von den „edlen Wilden’“ (45) erinnere. Ausführlich widmet er sich der Ideologie des deutschen „Drangs nach Osten“ und der, wie er schreibt, nachträglich erfundenen „Ostkolonisation“ sowie der unwissenschaftlichen „Ostforschung“, deren Geschichte trotz Hitlers Vernichtungskrieg bis in die Bundesrepublik reicht. „Tatsächlich waren verschiedene ‚Ostforscher’ an der Vorbereitung und Formulierung der ‚Ostkunde’-Empfehlungen beteiligt, darunter selbst solche, die am ‚Generalplan Ost’ mitgearbeitet hatten.“ (90) Wippermann meint, die in der frühen Bundesrepublik geschürte und instrumentalisierte Angst vor dem (kommunistischen) Osten hätte in Aggression umschlagen können und vielleicht auch sollen. Erst mit der sozialliberalen Ostpolitik unter Brandt seien diese Feindbilder und Ideologien überwunden worden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Wolfgang Wippermann: Die Deutschen und der Osten. Darmstadt: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27591-die-deutschen-und-der-osten_32383, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 32383 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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