/ 11.06.2013
Claudia Olejniczak
Die Dritte-Welt-Bewegung in Deutschland. Konzeptionelle und organisatorische Strukturmerkmale einer neuen sozialen Bewegung
Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1999 (DUV: Sozialwissenschaft); XII, 478 S.; brosch., 108,- DM; ISBN 3-8244-4336-8Sozialwiss. Diss. Bochum; Gutachter: W. Bleek, U. Andersen. - Die Dritte-Welt-Bewegung spielt analog zur Entwicklungspolitik in der Öffentlichkeit eine marginale Rolle, und auch in der Bewegungsforschung wurde sie bislang unzureichend berücksichtigt. Die Autorin - selbst entwicklungspolitisch engagiert - stellt die Dritte-Welt-Bewegung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ihr geht es darum, in historischer und aktueller Perspektive Strukturelemente dieser Bewegung herauszuarbeiten. Untersuchungsgegenstand sind entwicklungspolitische Aktionsgruppen und nichtstaatliche Organisationen in West- und Ostdeutschland vor und nach der Wiedervereinigung. Zunächst nimmt die Autorin eine theoretische Einordnung der Dritte-Welt-Bewegung in den Gegenstandsbereich der neuen Sozialen Bewegungen vor. Innerhalb der historischen Aufarbeitung werden die politischen Konzeptionen und thematischen Schwerpunkte herausgearbeitet. Durch die Bezugnahme zu den jeweils aktuellen entwicklungstheoretischen Diskussionen als auch zu den jeweiligen Schwerpunkten staatlicher Entwicklungspolitik wird die wechselvolle Geschichte dieser Bewegung, die sich "manchmal überaus sozialromantisch verklärt" und "bis hinein in die 80er Jahre [...] teilweise in ihren Ansätzen befangen" (194) bleibend darstellt, anschaulich und lebendig nachgezeichnet. Ein Vergleich der ost- und westdeutschen Solidaritätsbewegung zeigt, daß es deutliche thematische Parallelen gab, sich aber kaum Berührungspunkte zwischen den beiden Bewegungen entwickelt haben. Auch nach der Wende "sind die ostdeutschen Initiativen weiterhin an der Konsensbildung mit Vertretern unterschiedlicher politischer Couleur interessiert, während sich die westdeutsche Bewegung gerade durch die fehlende Dialogbereitschaft und -fähigkeit über politische Grenzen hinweg 'auszeichnet'" (265). Neben dieser historischen Längsschnittanalyse wird in einer empirischen Querschnittsanalyse die Dritte-Welt-Bewegung der 90er Jahre untersucht. Hierzu hat die Autorin eine Vollerhebung aller bundesweit tätigen Dachorganisationen sowie eine Repräsentativbefragung von entwicklungspolitischen Initiativen und Organisationen durchgeführt. Trotz der mit dem Ende des Ost-West-Konflikts eingetretenen "Ratlosigkeit" und "eines vielfach angenommenen Bedeutungsverlusts der neuen sozialen Bewegungen [...] hat solidarisches Engagement für die Dritte Welt auch in den 90er Jahren Bestand" (419). Im Ergebnis zeigt sich die Bewegung als unabhängig, heterogen, vergleichsweise stabil und von kollektiver Identität gekennzeichnet. Die Autorin wird ihrem Anspruch, eine umfassende Analyse der Dritte-Welt-Bewegung zu leisten, auf anschauliche und sachliche Weise gerecht. Die Leistungen und Erfolge werden ebenso wie Fehlentwicklungen und Mißerfolge offengelegt.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.331 | 2.343 | 4.44 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Claudia Olejniczak: Die Dritte-Welt-Bewegung in Deutschland. Wiesbaden: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9861-die-dritte-welt-bewegung-in-deutschland_11632, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11632
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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