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/ 20.06.2013
Shashi Tharoor

Die Erfindung Indiens. Das Leben des Pandit Nehru. Aus dem Englischen von Peter Knecht

Frankfurt a. M./Leipzig: Insel Verlag 2006; 312 S.; geb., 19,80 €; ISBN 978-3-458-17303-8
Der Mann, der Indien veränderte wie wohl nur noch Gandhi höchstpersönlich, war alles andere als ein typischer Inder. Der Brahmane wuchs in großem Reichtum auf und wurde ab dem 13. Lebensjahr in England erzogen, zunächst in derselben Schule wie kurz vor ihm Churchill und dann in Cambridge. Mit 22 kehrte er in ein fremdes Heimatland zurück, das er erst für sich entdecken musste. Bald kam er mit Mahatma Gandhi zusammen und wurde schnell als politischer Journalist und danach als Politiker zu einer wichtigen Figur der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Tharoor beschreibt diese prägende Phase in Nehrus Karriere, ohne dessen Rolle überzubetonen. Mehr als einmal gab es scharfe Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden großen Führungspersönlichkeiten, und Nehru blieb bei der Abspaltung Pakistans nicht frei von Fehleinschätzungen. Tharoor macht aber deutlich, wie wenig der in mancher Hinsicht englische Demokrat mit der Religion als politischer Kraft anfangen konnte, die das Volk damals zu rasenden Exzessen und brutalen Gewalttaten trieb. Der Autor verschweigt aber auch nicht Nehrus ideologisch motivierte Fehler: „Ein ziemlich hohes Maß an Verantwortung für die planwirtschaftlichen Mißerfolge jener Zeit ist Nehru persönlich anzulasten.“ (215) Tharoor schildert das Leben Nehrus nicht ohne Bewunderung, aber durchaus auch mit einem kritischen Blick für dessen Schwächen. „Er benahm sich wie ‚ein englischer Gentleman’“ (238), aber er „konnte allerdings auch herrisch und reizbar sein“ (239). In politischer Hinsicht musste Nehru mit den Jahren herbe Rückschläge einstecken. So erkannte er nicht die gravierenden Interessendifferenzen zwischen China und Indien, die 1962 sogar zum Krieg führten. Und obwohl er Politik und Religion nicht vermischen wollte, dominierten religiöse Konflikte nur kurze Zeit nach seinem Tod wieder die indische Politik. Tharoor gelingt es, diese Misserfolge ins rechte Verhältnis zu den unbestrittenen Leistungen Nehrus zu stellen. Seine Biografie ist anschaulich und informativ, auch und gerade für Leser, die sich nicht in der indischen Politik auskennen.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.682.225.46 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Shashi Tharoor: Die Erfindung Indiens. Frankfurt a. M./Leipzig: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25868-die-erfindung-indiens_30029, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 30029 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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