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/ 22.06.2013
Karsten Altenhain / Nicola Willenberg (Hrsg.)

Die Geschichte der Folter seit ihrer Abschaffung

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011; 212 S.; 37,90 €; ISBN 978-3-89971-863-8
Ausgehend vom Forschungsprojekt der VW-Stiftung „Die Wiederkehr der Folter? Interdisziplinäre Studie über eine extreme Form der Gewalt, ihre mediale Darstellung und ihre Ächtung“ und einer Tagung zum Thema „Folter und Rechtsstaat“ erfolgt in den neun Aufsätzen eine thematische Annäherung in rechtswissenschaftlicher, philosophischer und geschichtswissenschaftlicher Perspektive. Der Fokus liegt dabei auf dem 18. und 19. Jahrhundert und der langsamen Transformation öffentlich legitimierter Folterpraktiken zum neuen Regime der Lügen- und Ungehorsamsstrafen. Der wissenschaftliche Konsens besteht darin, dass dieser Zeitraum durch eine Reduzierung von gewalttätigen Maßnahmen bei gleichzeitiger Umetikettierung der weiterhin als notwendig erachteten Zwangsanwendungen gekennzeichnet ist. „‚Folter’ war beseitigt, körperliche Zwangsmaßnahmen zur Aussagegewinnung blieben jedoch bis zur Abschaffung der Ungehorsams- und Lügenstrafen erhalten.“ (22) Die Autoren weisen ferner nach, dass die politischen Motive nicht nur den hehren Idealen der Aufklärung entsprangen. „Dieser Wandel folgt keineswegs nur humanitären Motiven, sondern reagierte auf die konkrete Strafpraxis und folgte utilitaristisch-rationalistischen Intentionen.“ (99) Die aus der Untersuchung geschichtlicher Quellen erwachsenen Erkenntnisse werfen ein beunruhigendes Licht auf den aktuellen Folterdiskurs. „Insbesondere der Verweis auf vermeintlich neue Zwecke und die Beschränkung der Bezeichnung ‚Folter’ auf den Zweck der Geständniserpressung setzt sich in der modernen Diskussion ebenso fort wie der Versuch, die angewandten Methoden als zu milde auszuweisen, um als Folter zu gelten.“ (144) Es ist ein großes Verdienst dieses Bandes, dass er mit seinen durchgängig hochwertigen Beiträgen wichtige Basisinformationen für den Einstieg in heutige Debatten liefert. Der abschließende Aufsatz zum Folternarrativ der RAF stellt eine inhaltlich und qualitativ entbehrliche Ergänzung einer ansonsten anspruchsvollen Lektüre dar.
Thorsten Schumacher (THS)
M. A. (Politikwissenschaft, Philosophie, Öffentliches Recht), Referent im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.
Rubrizierung: 2.312.3112.372.675.33 Empfohlene Zitierweise: Thorsten Schumacher, Rezension zu: Karsten Altenhain / Nicola Willenberg (Hrsg.): Die Geschichte der Folter seit ihrer Abschaffung Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34372-die-geschichte-der-folter-seit-ihrer-abschaffung_41272, veröffentlicht am 27.10.2011. Buch-Nr.: 41272 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA