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/ 05.06.2013
Dirk Auer / Thorsten Bonacker / Stefan Müller-Doohm (Hrsg.)

Die Gesellschaftstheorie Adornos. Themen und Grundbegriffe

Darmstadt: Primus Verlag 1998; VIII, 222 S.; kart., 29,80 DM; ISBN 3-89678-315-7
Bemühungen um eine (Wieder-)Annäherung an das Werk Adornos haben immer noch etwas eigentümlich Unzeitgemäßes, innerhalb der Sozialwissenschaften jedenfalls scheinen Adornos Reflexionen gegenwärtig ohne erkennbare Anschlußmöglichkeiten zu sein. Das dürfte nicht zuletzt an der sogenannten "post-empiristischen" Wende der sozialwissenschaftlichen Methodologie liegen: Damit ist einerseits das, was Adorno als (soziologischen) Positivismus vehement attackierte, selbst zu einer überholten wissenschaftstheoretischen Position geworden. Andererseits aber bietet der heute - in konzeptioneller Hinsicht - dominierende sozialwissenschaftliche Konstruktivismus keine Ansatzpunkte für jenen Typus von Gesellschaftskritik, der Adorno (und mit ihm die ältere "Frankfurter Schule") auszeichnete. Deshalb dürften viele derjenigen, die sich überhaupt noch auf dessen Arbeiten einlassen, diese Gestalt der Kritischen Theorie als im hohen Maße historisch gebunden an die faschistische und post-faschistische Ära wahrnehmen. Überdies steht der vielfach bemerkte hermetische Charakter der Sprache Adornos, die sich weder dem Schulbegriff der Philosophie noch dem der Soziologie ohne weiteres einpaßte, einer anstrengungslosen Aneignung im Wege. Die Beiträge des Bandes, dessen Konzeption in einer vom Mitherausgeber Müller-Doohm geleiteten Forschungsgruppe der Universität Oldenburg entwickelt worden ist, suchen die gesellschaftstheoretische Aktualität Adornos herauszuarbeiten. Neben einer einführenden "intellektuellen Biographie" werden vier zentrale Themenfelder behandelt: Vernunftbegriff nach Auschwitz; Kulturindustrie und Kunst; Individualität und Geschlechterbeziehungen; Utopiekonzeption und Moraltheorie. Der Band wendet sich ausdrücklich nicht an Leser mit hoher Werkkenntnis; vielleicht ist es deshalb gelungen, über weite Strecken jene eher reproduktive Einstellung zu vermeiden, die sich an etlichen Studien von "Adorno-Kennern" beobachten läßt. Inhalt: Stefan Müller-Doohm: Noch die biographische Einzelperson ist eine soziale Kategorie. Konturen einer intellektuellen Biographie (1-20); Dirk Auer: Daß die Naturbefangenheit nicht das letzte Wort behalte. Fortschritt, Vernunft und Aufklärung (21-40); Jörn Ahrens: Der Rückfall hat stattgefunden. Kritische Theorie der Gesellschaft nach Auschwitz (41-60); Markus Dauß: Kunst ist die gesellschaftliche Antithesis zur Gesellschaft. Zum Konzept der Kunstsoziologie (61-80); Jürgen Förster: Kunst als Statthalter der Utopie. Zum Verhältnis von Versöhnung und Unversöhnlichkeit (81-94); Thomas Gebur: Denn die Menschen sind immer noch besser als ihre Kultur. Zu den Thesen der Kulturindustrie (95-115); Thorsten Bonacker: Ohne Angst verschieden sein können. Individualität in der integralen Gesellschaft (117-143); Friedrich Glauner: Gut ist, was Sprache findet. Sprache, Erkenntnis und Utopie (145-164); Anke Thyen: Es gibt darum in der verwalteten Welt auch keine Ethik. Moral und Moraltheorie (165-185); Doris Kolesch: Sich schwach zeigen dürfen, ohne Stärke zu provozieren. Liebe und Beziehung der Geschlechter (187-205).
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.46 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Dirk Auer / Thorsten Bonacker / Stefan Müller-Doohm (Hrsg.): Die Gesellschaftstheorie Adornos. Darmstadt: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6567-die-gesellschaftstheorie-adornos_8891, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 8891 Rezension drucken
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