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/ 22.06.2013
Meinhard Stark

Die Gezeichneten. Gulag-Häftlinge nach der Entlassung

Berlin: Metropol 2010; 432 S.; 24,- €; ISBN 978-3-940938-72-5
Eine wissenschaftliche Arbeit zeichnet sich normalerweise durch ihre nüchterne und distanzierte Sprache aus – nicht so bei Stark. Sein Buch ist geprägt von vielen emotional nahegehenden Berichten und der einfühlsamen Beschreibung unfassbarer Zustände: Vom Autor befragte Häftlinge schildern sowohl das menschenverachtende System des Gulags als auch ihre ganz persönlichen Schicksale während der Haft. „‚Die haben mir die Zähne mit den Stiefeln rausgetreten’, erinnert sich Adolf Pfeiffer: ‚Ich habe Blut mit Zähnen gespuckt‘“ (33). Es gibt aber auch viele Häftlinge, für die das Erlebte unsagbar war und bleibt. Stark hat dies respektiert, aber die Gefühle und Reaktionen der Häftlinge auf diese Frage festgehalten. Natürlich gibt die persönliche Schilderung und die einfühlsame Darstellung durch den Autor nur eine Ahnung von dem, was die Häftlinge erleben mussten. So schrieb Frieda Mayer-Melikowa 1943 aus dem Gulag an ihre Familie: „Wie sehr ich geschwächt bin, davon könnt Ihr Euch kein Bild machen, denn Ihr habt nie solche Menschen gesehen. Es hätte keinen Sinn, Euch alles zu schreiben. […] Um alles zu begreifen, müßte man einen Blick auf mich und unser Leben werfen können.“ (31) In dem Buch wird aber auch das Folgeleben berücksichtigt. Und dies ist neben der sensibel und bewusst eingesetzten Sprache das zweite Bemerkenswerte. Stark lässt die Überlebenden von ihren weiteren Erlebnissen berichten, ihre Zeit im totalitären System der Sowjetunion oder in der DDR schildern. Denn die lang ersehnte Haftentlassung erwies sich nicht immer als Möglichkeit zu einem Leben in Freiheit. Vielmehr sahen sich die Befragten Bespitzelungen, beruflichen Einschränkungen und erneuten Haftstrafen ausgesetzt. Der Autor hat den Gulag-Überlebenden viel Zeit für ihre Geschichten gegeben und sie erst nachträglich thematisch gebündelt. Zusammen mit der einfühlsamen Sprache ist so eine Zeitzeugendokumentation entstanden, die den Leser aufgrund der emotionalen und gleichzeitig unfassbaren Darstellungen stetig weiterlesen lässt. Zwar waren nicht alle von Stark angefragten Personen in der Lage, über ihr Leben zu reden. Aber diejenigen, die mit ihm sprachen, taten es vorrangig deshalb, um „anhand ihrer eigenen Biografie über den hohen Wert der Demokratie aufzuklären“ (27) – ein Wert, der heute allzu oft als selbstverständlich gilt.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.232.352.252.3142.3132.62 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Meinhard Stark: Die Gezeichneten. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32722-die-gezeichneten_39062, veröffentlicht am 20.10.2011. Buch-Nr.: 39062 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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