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/ 22.06.2013
Martha C. Nussbaum

Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Aus dem Amerikanischen von Robin Celikates und Eva Engels

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2010; 599 S.; 36,90 €; ISBN 978-3-518-58554-2
Nussbaum verteidigt mit ihrem neuen Buch, ähnlich wie in vorangegangenen Veröffentlichungen, die Idee, dass die Grundlagen einer Gesellschaft legitimationsbedürftig sind, ein fiktiver Vertrag zwischen Gleichen diese Basis am besten begründen kann und deshalb eine darauf aufbauende Gesellschaft als gerecht gelten darf. Nussbaums Ziel ist nun aber, genau jene realen Gerechtigkeitsprobleme philosophisch zu lösen, die von den Vertragstheoretikern – und hier insbesondere von John Rawls, auf den sich Nussbaum im Wesentlichen bezieht – bisher unbeantwortet blieben: Da ist zum einen die gerechtigkeitstheoretisch problematische Exklusion von Frauen und Behinderten. Zwar sind in den neuen Vertragstheorien auch Frauen Vertragspartner, die Konsequenz daraus – nämlich die Anerkennung der Familie als politische Institution und damit die Auflösung der klassischen Unterscheidung zwischen privat und öffentlich – ist aber nicht hinreichend berücksichtigt worden. Die vertragstheoretische Gerechtigkeitsbegründung für Behinderte ist noch unbefriedigender. Sie werden „in unserer Gesellschaft noch immer nicht als Bürgerinnen und Bürger anerkannt, für die das Prinzip staatsbürgerlicher Gleichheit gilt“ (14). Das zweite bisher ungelöste Problem ist das der notwendigen Expansion der Gerechtigkeitstheorie. Rawls konnte Gerechtigkeit nur innerhalb eines Nationalstaats begründen. In der heutigen Zeit stellt sich immer drängender die Frage, wie Gerechtigkeit auch global umzusetzen ist. Das dritte von Nussbaum in den Blick genommene Defizit ist, dass durch den Menschen zugefügtes tierisches Leid zwar ethisch als verwerflich gilt, von Gerechtigkeitstheorien aber bislang ausgespart blieb. Diese drei Probleme versucht Nussbaum philosophisch zu ergründen, indem sie argumentiert, dass es viele verschiedene Arten von Leben gibt, denen aber stets Würde und Respekt entgegenzubringen sei. Daher müsse eine Gerechtigkeitstheorie entwickelt werden, die dies zu leisten vermag. „Mit dieser Auffassung geht unmittelbar die Einsicht einher, daß die Fähigkeit, einen Vertrag zu schließen, und der Besitz jener Fähigkeiten, die in der zu gründenden Gesellschaft zu gegenseitigen Vorteilen führen, keine notwendigen Bedingungen dafür sind, ein Bürger zu sein, dem Würde zukommt und dem wir eine respektvolle Behandlung auf der Grundlage seiner Gleichheit mit allen anderen schulden.“ (37) Nussbaum unterbreitet einen klugen Vorschlag, mit dem sie den gemeinsam mit Amartya Sen entwickelten Capability Approach weiter ausarbeitet und der gleichzeitig als ein Beitrag des Politischen Liberalismus gelesen werden muss.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Martha C. Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit. Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33156-die-grenzen-der-gerechtigkeit_39624, veröffentlicht am 27.10.2011. Buch-Nr.: 39624 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA