/ 11.06.2013
Nancy Fraser
Die halbierte Gerechtigkeit. Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaats. Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001 (edition suhrkamp 1743); 339 S.; kart., 12,22 €; ISBN 3-518-11743-2In dieser Aufsatzsammlung setzt sich die an der New School of Social Research (New York) lehrende Politikwissenschaftlerin mit unserer Gegenwart als "postsozialistischer" Situation auseinander, in der "Kämpfe fortschrittlicher Kräfte nicht mehr in irgendeiner glaubwürdigen Vision verankert [sind], die eine Alternative zur gegenwärtigen Ordnung verkörpert" (10). Systematisch ist diese Situation einerseits durch die komplementären Phänomene von Legitimationsverlust sozialistischer Ideen und Wiedererstarken des Wirtschaftsliberalismus gekennzeichnet. Andererseits hat sich mit dem Aufstieg der "Identitätspolitik" die Grammatik politischer Forderungen dergestalt verändert, dass Gerechtigkeit heute vielfach als Postulat der Anerkennung kulturell definierter Gruppen ausgelegt wird und weniger als Frage sozialpolitischer Umverteilung (10 f.). Dagegen argumentiert Fraser, dass eine kritische Perspektive "die Verpflichtung auf soziale Gleichheit [nicht] einfach zugunsten kultureller Differenz über Bord werfen kann" (15); dementsprechend folgen die Aufsätze dieses Bandes einem "zweiwertigen" Ansatz, der "das Soziale und das Kulturelle, das Ökonomische und das Diskursive" integrieren will (17). Das gelingt der Autorin in den drei Abschnitten des Buches - über Dilemmata von Umverteilung und Anerkennung (23 ff.), zu Fragen der Diskurstheorie (107 ff.) und in den Stellungnahmen zur feministischen Theorie (251 ff.) - ebenso inspirierend wie überzeugend. Die Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel "Justice Interruptus. Critical Reflections on the 'Postsocialist' Condition" in New York.
Inhalt: Einleitung: Kritische Überlegungen zur "postsozialistischen" Situation. I. Umverteilung und Anerkennung: 1. Von der Umverteilung zur Anerkennung? Dilemmata der Gerechtigkeit in "postsozialistischer" Zeit; 2. Nach dem Familienlohn: Ein postindustrielles Gedankenexperiment. II. Öffentliche Sphären, Genealogien und symbolische Ordnungen: 3. Neue Überlegungen zur Öffentlichkeit. Ein Beitrag zur Kritik der real existierenden Demokratie; 4. Sex, Lügen und die Öffentlichkeit. Überlegungen zur Bestätigung des Bundesrichters Clarence Thomas; 5. Abhängigkeit im Sozialstaat. Genealogie eines Schlüsselbegriffs (zusammen mit Linda Gordon); 6. Strukturalismus oder Pragmatik? Über Diskurstheorie und feministische Politik. III. Feministische Stellungnahmen: 7. Multikulturalismus, Antiessentialismus und radikale Demokratie. Eine Genealogie der gegenwärtigen Ausweglosigkeit in der feministischen Theorie; 8. Kultur, Politische Ökonomie und Differenz. Über Iris Youngs Justice and the Politics of Difference; 9. Falsche Antithesen. Eine Entgegnung auf Seyla Benhabib und Judith Butler; 10. Jenseits des Herr/Knecht-Modells. Über Carole Patemans The Sexual Contract.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.27 | 5.42 | 5.41
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Nancy Fraser: Die halbierte Gerechtigkeit. Frankfurt a. M.: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10937-die-halbierte-gerechtigkeit_12931, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12931
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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