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/ 05.06.2013
Ron Rosenbaum

Die Hitler-Debatte. Explaining Hitler. Auf der Suche nach dem Ursprung des Bösen

München/Wien: Europa Verlag 1998; 672 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-203-81516-8
Trotz aller - unendlich vieler - Erklärungsversuche ist das Phänomen "Hitler" letztlich noch immer nicht wirklich erklärt - und der Publizist Rosenbaum ist ein Mensch, dem dieses Faktum keine Ruhe läßt. Umgetrieben von der Frage nach dem "Warum?" untersucht Rosenbaum zeitgenössische Erklärungsversuche sowie wesentliche Forschungsansätze über Hitlers Motive, die sich im vorwiegend angelsächsischen Sprachraum nach dem Krieg entwickelt haben; wo immer es ihm möglich war, befragte er den Forscher selbst. Verschiedenen Formen der Verzweiflung ist er dabei begegnet: der Verzweiflung an der Quellenlage (so z. B. bei Alan Bullock); einer Art metaphysischer Verzweiflung über die Unerklärbarkeit des radikal Bösen (so bei Emil Fackenheim); aber auch einer Verzweiflung über den Versuch, überhaupt erklären zu wollen - so bei Claude Lanzmann, für den Erklärung Exkulpation bedeutet und sich deshalb absolut und bedingungslos verbietet. Es ist also letztlich die Frage nach dem Bösen, die sich hinter der Suche nach einer Erklärung Hitlers verbirgt, und die Reaktionen auf diese Frage ähneln denen, die man aus der Befassung mit dem absoluten Gegenpol des Bösen kennt. Dort erscheint das Erklärungsverbot in der Gestalt des Bilderverbotes. Konsequent führt Rosenbaums Suche nach einer überzeugenden Erklärung des Bösen zu einer Perspektivenverlagerung, wie sie sich auch innerhalb der Theologie vollzogen hatte. So wie Albert Schweitzer in seiner Leben-Jesu-Forschung nicht mehr Jesus selbst, sondern das Verhältnis seiner Deuter zu ihrem Gegenstand untersuchte, benutzt Rosenbaum die verschiedenen Hitler-Bilder als Schlüssel zum Verständnis unseres Umgangs mit einer solchen existentiellen Herausforderung, wie Hitler sie darstellt: "Man könnte auch sagen, daß die Art, wie wir Hitler verstehen oder erklären, die charakteristische Art und Weise widerspiegeln kann, wie wir die Natur unseres Ichs verstehen." (69) Auf diesen, meist verdrängten, Sachverhalt hingewiesen und an der Hitlerforschung die Wende zu einer Motivforschung bei den Forschern selbst vollzogen zu haben, ist ein großes Verdienst dieses spannenden Buchs. Ob man Hitler als das Unerklärbare schlechthin akzeptieren muß, ist eine andere Frage. Auch Schweitzers Leben-Jesu-Forschung konnte die Suche nach dem Jesus jenseits des Vorurteils nicht ersetzen. Und nur dann hat die Betrachtung des Verhältnisses vom Rezipienten zur Sache einen Sinn, wenn die Sache sich nicht selbst als Chimäre erweist.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Ron Rosenbaum: Die Hitler-Debatte. München/Wien: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8053-die-hitler-debatte_10651, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10651 Rezension drucken
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