/ 19.06.2013
Jean Baudrillard
Die Intelligenz des Bösen. Aus dem Französischen von Christian Winterhalter. Hrsg. von Peter Engelmann
Wien: Passagen Verlag 2006; 194 S.; brosch., 22,90 €; ISBN 978-3-85165-745-6Die Auseinandersetzung mit der Illusion der Realität – also der Annahme, es gäbe jenseits unserer Subjektivität eine Objektivität, auf die sich rationale Erklärungen zu beziehen hätten – ist eines der Leit/index.php?option=com_content&view=article&id=41317 des außerordentlich produktiven französischen Philosophen Baudrillard. Die Realität, eine Erfindung gebunden an die westliche Kultur und die moderne Vernunft, ist ihrer Geltung längst beraubt durch die Überflutung von Bildern und Zeichen, die nur noch auf sich selbst verweisen. In den vorliegenden Essays beschäftigt sich der Autor mit den Folgen der Auflösung der Realität im Zuge der Ausbreitung der Globalisierung. Was wir derzeit beobachten können – so seine provozierenden, eher dem kreativen Einfall als einer systematischen Analyse verpflichteten Diagnose – ist das paradoxe Stadium einer Hyperrealität, die zugleich der Realität wie der Illusion ein Ende setzt – hervorgebracht durch vielfältige Prozesse der Deregulierung, die sich vom Feudalsystem zum Kapitalismus als immenser Fortschritt in der Freiheit der Handelsbeziehungen, der freien Zirkulation der Güter, der Ströme, der Personen und des Kapitals vollziehen. Diese universelle Deregulierung aller menschlichen Beziehungen zeigt sich beispielsweise im Fetischcharakter, den das Geld in einer nur der Spekulation folgenden virtuellen Ökonomie erhält. Und es zeigt sich in der gegenwärtigen Form der Knechtschaft, die keineswegs eine Abwesenheit von Freiheit anzeigt, sondern ganz im Gegenteil auf einem Übermaß an Freiheit beruht, bei welcher der um jeden Preis befreite Mensch nicht mehr weiß, wovon er befreit wird, noch warum er frei ist. Baudrillards Reflexionen verdanken ihren Reiz vielleicht gerade dem Umstand, dass sie keiner politischen Richtung eindeutig zugeordnet werden können – in seiner Auseinandersetzung mit den modernen Illusionen mischen sich ebenso konservativ kulturkritische wie linke gesellschaftskritische Motive.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 2.2
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Jean Baudrillard: Die Intelligenz des Bösen. Wien: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21507-die-intelligenz-des-boesen_30239, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30239
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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