/ 22.06.2013
Evelyna Schmidt
Die Leiden des Neuen Menschen. Zum Wahnsinn-Diskurs in der Literatur der DDR und der Volksrepublik Polen
Osnabrück: fibre 2012 (Studia Brandtiana 6); 224 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-938400-80-7Diss. Wrocław; Begutachtung: M. Zybura. – Durch Umerziehung, Disziplinierung und Demagogie war man in den sozialistischen Ländern bestrebt, den Neuen Menschen heranzubilden, der seine niederen, materialistischen Bedürfnisse abstreift, seine auf Entfremdung beruhende Vergangenheit hinter sich lässt und eine kommunistische Gesellschaft ganz zum vermeintlichen Wohle der Gemeinschaft gestaltet. Jedes von diesem Ziel abweichende Verhalten wurde von offizieller Seite als unvernünftig und uneinsichtig deklariert und gern mit dem Verdikt „wahnsinnig“ versehen. Die allumfassende politische Ideologie und der Umgang mit ihr spiegelten sich auch in der Literatur: Zum einen nutzten Ideologen und Politiker prosaische Stücke zur politischen Rechtfertigung und Diffamierung Andersdenkender; zum anderen verarbeiteten Schriftsteller ihre kritischen Reflexionen über das sozialistische System und ließen ihre unangepassten Protagonisten nicht selten wahnsinnig werden. Obgleich es eine ganze Reihe an Publikationen zur Literatur der DDR und Polen gibt, hat sich bisher keine „gesondert dem Wahnsinn als Sujet und der literarischen Figurenkonstitution einer dissoziierten Persönlichkeit in einer Diktatur angenommen“ (25). Schmidt will dies ändern und untersucht in ihrer Dissertation klug ausgewählte Prosatexte (zumeist Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane) von 14 Schriftstellern, die eine biografische und soziale Anbindung zur DDR beziehungsweise zu Polen haben sowie eine in einem der beiden Länder lebende wahnsinnige Persönlichkeit als Figurentypus entwerfen. Die Autorin kristallisiert im Zuge ihrer Untersuchung vier Reaktionen heraus (Erkenntnis, Ausbruch, Allmacht und Ohnmacht, Wahnsinn), mit denen die Schriftsteller ihre Figuren auf die soziale Krise antworten lassen. Trotz der literarischen, stilistischen und der Handlungs-Unterschiede in den einzelnen Werken findet Schmidt maßgebliche Gemeinsamkeiten: Allen Stücken sind das Verhör (beziehungsweise die Angst davor), der Zwang zu Rechenschaft und Schuldeingeständnis in einer absurd anmutenden Atmosphäre sowie relativ starre Metaphern, Symbole und Topoi (beispielsweise das Wasser und der Traum) gemein. Speziell für die polnische Literatur macht Schmidt außerdem vor dem Hintergrund einer katholisch geprägten Gesellschaft eine Diabolisierung des Kommunismus aus und die psychiatrische Heilanstalt wird vorrangig von polnischen Schriftstellern als Nische, Fürsorge, Zuflucht oder Heterotopie genutzt, während ihr in der DDR-Literatur keine tragende Funktion zukommt.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.25 | 2.61 | 2.314 | 2.23 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Evelyna Schmidt: Die Leiden des Neuen Menschen. Osnabrück: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35239-die-leiden-des-neuen-menschen_42434, veröffentlicht am 23.08.2012.
Buch-Nr.: 42434
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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