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/ 19.06.2013
Gerd Hankel

Die Leipziger Prozesse. Deutsche Kriegsverbrechen und ihre strafrechtliche Verfolgung nach dem Ersten Weltkrieg

Hamburg: Hamburger Edition 2003; 550 S.; geb., 30,- €; ISBN 3-930908-85-9
Die Entwicklung des Völkerstrafrechts begann im 20. Jahrhundert „mit dem - gescheiterten - Versuch einer strafrechtlichen Verfolgung deutscher Kriegsverbrechen des Ersten Weltkriegs. Entgegen der ursprünglichen, im Versailler Vertrag verankerten Absicht überließ man sie seinerzeit schließlich der deutschen Justiz. Der Sprachwissenschaftler und Jurist Hankel analysiert die Anklagepunkte und Verteidigungsstrategien der Verfahren vor dem Reichsgericht in Leipzig. Er erschließt umfassend einen fast vergessenen aber zentralen Abschnitt juristischer Zeitgeschichte einschließlich seiner Folgewirkungen für das Verständnis von Krieg und Recht im Zweiten Weltkrieg. Hankel gelangt zu der Schlussfolgerung: „Politik, Militär und die beiden traditionell nahestehende Justiz sahen sich als Opfer alliierter Macht- und Rachepolitik [...]. Obwohl qua Gesetz zu ihrer Verfolgung verpflichtet, zeigten Reichsanwaltschaft und Reichsgericht nur sehr wenig Neigung, hinreichend tatverdächtige Kriegsverbrecher ernsthaft in Bedrängnis zu bringen" (518). Auch wenn sich „keine direkte Verbindung zwischen dem deutschen Verhalten in Belgien 1914 und in der Sowjetunion ab 1941 herstellen" lässt (519) - in der Folgezeit war die Präzedenzwirkung der Leipziger Verfahren fatal, weil es auf deutscher Seite zur Rechtfertigung eines entgrenzten Verständnisses des Kriegs und der damit einhergehenden völligen Missachtung des Kriegsrechts führte. Im Hinblick auf die künftige strafrechtliche Verfolgung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit folgt aus den Leipziger Prozessen daher allein: „Entweder gibt es in dem betreffenden Staat einen Regimewechsel, deutlich genug, damit sich die neue Regierung an die juristische Aufarbeitung der Verbrechen ihrer Vorgänger machen kann, oder eine internationale Strafgerichtsbarkeit wird aktiv" (523).
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 2.3114.1 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Gerd Hankel: Die Leipziger Prozesse. Hamburg: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20821-die-leipziger-prozesse_24277, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24277 Rezension drucken
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