/ 22.06.2013
Vittoria Borsò / Christiane Liermann / Patrick Merziger (Hrsg.)
Die Macht des Populären. Politik und populäre Kultur im 20. Jahrhundert
Bielefeld: transcript Verlag 2010 (Kultur- und Medientheorie); 249 S.; kart., 25,80 €; ISBN 978-3-8376-1234-9Die populäre kulturelle Sphäre sei um 1900 entstanden, erläutern die Herausgeber, als die Realeinkommen gestiegen seien und die freie Zeit zugenommen habe. Der Einfluss der neuen Massenpresse und dann des Kinos auf die Gesellschaft sei allerdings von Anfang an beklagt worden. In der Forschung sei schon früh festgestellt worden sei, „dass sich solche Klagen auch immer gegen die Ansprüche der ‚Massen’ bzw. der ‚einfachen Leute’ wandten, dass deren kulturelle Betätigungen und Wünsche damit abgewertet werden sollten“ (8). Die Warnungen seien als Zeichen dafür zu sehen, „dass sich populäre Bedürfnisse durchsetzten und in der politischen Kommunikation nicht mehr ignoriert werden konnten“ (11). Borsò, Liermann und Merziger stellen des Weiteren fest, dass sich populäre Kultur und Politik nicht als feindliches Prinzip gegenüberstehen, sondern Erstere sogar eigene Politiken erschaffe. Die „klassische ‚politische Öffentlichkeit’“ sei nur ein Kommunikationsraum der Gesellschaft unter anderen und habe „kein Monopol auf politische Bedeutsamkeit“ (22). Entsprechend dieser Perspektive geht es in den Beiträgen um die „Vermittlung, Verbreitung und populären Ausdrucksformen des Politischen“ (23); gefragt wird, ob und wie populäre Kultur politische Entscheidungsprozesse und Entwicklungen beeinflusst. Außerdem wird die spezifische Politik der populären Kultur untersucht, also welche Weltdeutungen und Sinnangebote in ihr zirkulieren. Bereits im ersten Beitrag wird ein anschauliches Beispiel vorgestellt. Anna von der Goltz erläutert, wie die Bevölkerung im ersten Weltkrieg den Hindenburg-Mythos, also die Verehrung des Generals als Helden, maßgeblich selbst kreierte und ihre Ängste und Wünsche auf ihn projizierte; eine Beeinflussung oder gar Instrumentalisierung durch die Regierung erwies sich als kaum möglich. Die Mehrzahl der anderen Beiträge ist thematisch ebenfalls auf Deutschland vor 1945 konzentriert. Ähnlich wie beim Hindenburg-Mythos zeigt sich u. a. im Beitrag über die Boykotte jüdischer Geschichte schon vor 1933, dass die populäre Kultur keineswegs zwangsläufig die Öffnung und Modernisierung einer Gesellschaft in sich trägt: In diesem Fall grenzten Händler und Kunden mittels des populären Weihnachtsgeschäfts – ohne staatlichen Druck und in Eigeninitiative – aktiv die jüdischen Mitbürger aus.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22 | 2.23 | 2.61 | 2.65 | 2.311 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Vittoria Borsò / Christiane Liermann / Patrick Merziger (Hrsg.): Die Macht des Populären. Bielefeld: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32292-die-macht-des-populaeren_38535, veröffentlicht am 19.11.2010.
Buch-Nr.: 38535
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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