/ 20.06.2013
Tariq Ali
Die Nehrus und die Gandhis. Eine indische Dynastie. Aus dem Englischen von Erwin Duncker und Martin Pfeiffer
Kreuzlingen/München: Hugendubel (Diederichs) 2005; 462 S.; geb., 24,95 €; ISBN 3-7205-2602-XAls Rajiv Gandhi 1984 als Nachfolger seiner ermordeten Mutter Indira indischer Ministerpräsident wurde, habe dies schlaglichtartig die Existenz einer politischen Dynastie beleuchtet, die in der Nachkriegsgeschichte der demokratischen Welt einzigartig sei. Der Journalist und Schriftsteller Ali deutet die Etablierung dieser Dynastie in seinem Familienporträt als Abstieg einer sich erst entwickelnden politischen Kultur. Jawaharlal Nehru, der erste Ministerpräsident des unabhängigen Indiens und Vater Indiras, agierte mit dem politischen Ziel eines unabhängigen, modernen und demokratischen Indiens vor Augen. Ihn stellt der Autor als bedeutenden Staatsmann in eine Reihe mit Roosevelt, Churchill und de Gaulle. Seine Tochter aber sei nach seinem Tod von der Führungsspitze der Kongresspartei nur als Ministerpräsidentin installiert worden, weil sie als schwach und willfährig galt. Ali beschreibt Gandhis Politik als reines Machtkalkül. Dazu gehörte der Sturz legitimer Provinzregierungen, die von anderen Parteien gestellt wurden, sowie die Ausbreitung der Korruption. Den Grund für die Etablierung einer politischen Dynastie nach dem Tod Nehrus sieht Ali darin, dass der „Persönlichkeitskult, der eine führende politische Familie umgibt, [...] eine bequeme Möglichkeit [ist], den politischen und sozialen Status quo zu erhalten“ (378). Er verdeutlicht dies am Beispiel politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und religiöser Konflikte, die gleichermaßen Handlungsrahmen und Ergebnis der Regierungen Nehru und Gandhi sind. Die Biografien der von dieser Familie gestellten Ministerpräsidenten dienen ihm damit als roter Faden durch die indische Nachkriegsgeschichte. Ali, der diese Analyse erstmals 1985 veröffentlichte und für die Neuausgabe aktualisierte, sieht Indien heute weit von den Träumen Nehrus entfernt. „Anstelle einer modernisierten Demokratie, in der sich die Religion mit einer Statistenrolle begnügt, ist das Land zu einem Schlachtfeld miteinander kämpfender Fundamentalisten geworden.“ (410 f.)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.68 | 2.1 | 2.24 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Tariq Ali: Die Nehrus und die Gandhis. Kreuzlingen/München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23454-die-nehrus-und-die-gandhis_26918, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 26918
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA