/ 11.06.2013
Dietrich Krauß
Die Politik der Dekonstruktion. Politische und ethische Konzepte im Werk von Jacques Derrida
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2001 (Campus Forschung 830); 416 S.; kart., 45,- €; ISBN 3-593-36842-0Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Begriff der "Différance". Von Derrida eingeführt und zum zentralen Begriff der Politik der Dekonstruktion gemacht, hat der Begriff der Différance die Aufgabe, den "strukturalistischen" Begriff der Differenz zu radikalisieren, d. h. die für die Politik der Dekonstruktion unentbehrliche Temporalisierung zum Ausdruck zu bringen. Der gängige Begriff der Differenz vermag die Bewegung der immer sich verändernden Wiederholung der Differenzierung nicht zu vermitteln, weil er, so Derrida, eine fixierte, statische Struktur bekommen hat und aus diesem Grund immer wieder dieselben Bedeutungen hervorruft. Das Kunstwort Différance muss diese verfestigte Struktur der Differenz brechen, damit der Prozess der Differenzierung immer in seiner unaufhörlichen Bewegung erscheinen kann: "als eine Aktivität, eine Produktivität, eine fortwährende Transformation [...], die die Statik und die Synchronie der fixierten ahistorischen Struktur unterläuft, ohne deswegen astrukturell oder willkürlich zu sein" (38).
Krauß, Redakteur beim SWR Fernsehen, beginnt mit einem einführenden Kapitel über den Unterschied zwischen den beiden Begriffen Différance und Differenz, um sich dann der Ethik und der Politik der Différance zu widmen. Dabei bezieht sich der Autor nicht auf die gesamte Sprachtheorie von Derrida, sondern nur auf die jüngeren ethischen und rechtsphilosophischen Schriften des Denkers. Sein Zweck ist, ihr Verhältnis zu seinem frühen metaphysikkritischen und sprachtheoretischen Werk wie auch zu aktuellen Positionen der politischen Philosophie und der Rechtsphilosophie zu untersuchen. Der Autor hat dadurch insofern den Anspruch, mit diesem Buch Neuland zu betreten, "als die Ethik und Rechtskritik der Dekonstruktion bislang weder von der Sekundärliteratur, noch von Derrida selbst explizit mit dem metaphysikkritischen Projekt des frühen Derrida in Beziehung gesetzt wurde" (10).
Zentrales Thema des ersten, "ethischen" Teils ist die unvermeidliche Allgegenwärtigkeit der Gewalt und die, laut Derrida, einzige vernünftige Weise ihr entgegenzukommen, nämlich sie anzuerkennen. Hier wird folgende Frage gestellt: Wie könnte man sich für die Minderung von Leid und Elend einsetzen, ohne sich auf universalistische Normen beziehen zu müssen? Im zweiten, "politischen" Teil geht es an erster Stelle um die Politik der Dekonstruktion, die "im wesentlichen als Übertrag der Metaphysikkritik vom Feld der Philosophie und Zeichentheorie auf das Feld von politischer Philosophie und Rechtsphilosophie verstanden werden" (100) muss. Derrida kritisiert vor allem das Ursprungs- und Identitätsdenken in der politisch-philosophischen Tradition. Zentrale Begriffe der politischen Philosophie (z. B. der Begriff der Volkssouveränität bei Rousseau) werden "dekonstruiert" und einer neuen Lesart unterzogen. Im Ursprung von Recht und Staat solle die Différance und nicht die metaphysische Identitätsillusion einer Volkssouveränität wie bei Rousseau stehen: "Die Identität ist weder möglich noch als Chimäre und Horizont politischen Handelns wünschenswert. Sie birgt totalitäre Tendenzen. Die Differenz ist unausweichlich und muss gleichzeitig immer wieder aktiviert und affirmiert werden. Sie bricht die illusorische Fixierung der Metaphysik auf und öffnet das Rechtssystem für neue Fragestellungen." (105) Im gesamten Buch werden mehr oder weniger direkt Schlüsselfragen der Identitätsforschung behandelt: wie z. B. das Verhältnis zwischen Identität und Differenz; Identität und Wiederholung; "die Unmöglichkeit kollektiver Identität" (131) und "dauernder Souveränität" (135) etc. Damit bietet das Buch nicht nur eine Derrida-Lektüre, sondern auch eine postmoderne Lesart alter Identitätsfragen.
Deliana Popova (DP)
Dipl.-Politologin.
Rubrizierung: 5.46
Empfohlene Zitierweise: Deliana Popova, Rezension zu: Dietrich Krauß: Die Politik der Dekonstruktion. Frankfurt a. M./New York: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9384-die-politik-der-dekonstruktion_17505, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17505
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Dipl.-Politologin.
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