/ 21.06.2013
Alexander Ular / Gunter Schubert
Die Politik
Marburg: Metropolis-Verlag 2009 (Die Gesellschaft. Neue Folge 4); 153 S.; 19,80 €; ISBN 978-3-89518-693-6„Untersuchung über die völkerpsychologischen Bedingungen gesellschaftlicher Organisation“ heißt der Text im Untertitel, der erstmals 1906 in einer von dem Religionsphilosophen Martin Buber herausgegebenen Reihe erschien und nun erneut und um einen neuen Beitrag ergänzt publiziert wird (zur Einführung in die Reihe siehe ZPol-Nr. 33781). Schubert, Professor für Greater China Studies in Tübingen, erschließt in dieser Ergänzung den Text: Der Wahlfranzose, Journalist und Schriftsteller Ular (1876-1919) habe als kenntnisreicher Sinologe gegolten. In seinem Buch habe er die Begriffe Politik und Kultur als entgegengesetzte Pole beschrieben und dies anhand von Zuordnungen zu Europa und China illustriert: „Das wilhelminische Deutschland gilt Ular offensichtlich als Inbegriff einer politischen, China als Inbegriff einer kulturell definierten Gesellschaft.“ (144) Problematisiert worden sei damit der Zusammenhang von legitimer Herrschaft, nationaler Identität und individueller Freiheit. Die Politik habe Ular dabei negativ beschrieben: „Sie zwingt den Menschen unter eine oligarchische, autoritäre Herrschaft, die jedoch nichts anderes ist als die Inkarnation seiner ureigenen religiösen Bedürfnisse“ (114). China aber, das Ular als ein kollektivistisch organisiertes Reich verstanden habe, das sich europäischen Ordnungsvorstellungen entziehe, habe ihm als „Fingerzeig auf eine mögliche Zukunft Europas“ gedient – auf ein Europa, in dem „sich kein Mensch mehr für die Nation opfert; in dem der einzelne Staat lediglich eine ‚großartige wirtschaftliche Organisation’ mit ‚riesenhaften Kooperativgenossenschaften’ bildet und deshalb ‚unsterblich’ geworden ist“ (143). – Schubert weist noch einmal ausdrücklich daraufhin, dass Ular diese Vision lange vor dem Wandel Chinas in ein kommunistisches System schrieb – heute hätten sich die Verhältnisse eher umgekehrt: China sei „eher zum Beispiel einer von der Politik in Sinne Ulars beherrschten Gesellschaft“ geworden, der dort herrschende nationale Pathos sei ein Indiz dafür. Der „religiöse Abhängigkeitsatavismus“ (150) werde wohl doch zuerst in Europa überwunden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42 | 2.2 | 2.68
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Alexander Ular / Gunter Schubert: Die Politik Marburg: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30230-die-politik_35869, veröffentlicht am 01.12.2009.
Buch-Nr.: 35869
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA