/ 18.06.2013
Raul Hilberg
Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. Aus dem Amerikanischen von Udo Rennert
Frankfurt a. M.: S. Fischer 2003; 256 S.; 2. Aufl.; geb., 22,90 €; ISBN 3-10-033626-7Die Historiographie des Holocaust findet einerseits unter den gleichen Bedingungen statt wie alle Historiographie: Durch die nicht selten mühselige Arbeit am Quellenmaterial versucht sie, ein differenziertes Bild der Geschichte zu gewinnen. Andererseits ist die Holocaust-Forschung mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert: Die Vernichtung der europäischen Juden war von dem Versuch begleitet, auch alle Zeugnisse von dieser Vernichtung vollständig zu beseitigen. Dazu gehörte nicht nur, dass Goebbels am 20. Februar 1945 „die systematische Vernichtung aller geheimen und heiklen Dokumente Deutschlands, darunter auch aller Papiere, die sich auf Juden bezogen" (22) befahl, sondern z. B. auch die Beschlagnahmung sämtlicher im Besitz von Juden befindlicher Fotoapparate zu Beginn der 1940er-Jahre. Mit diesem Problem befasst sich der Autor im vorliegenden Band. Hilberg, dem vielfach vorgeworfen wurde, er habe sich in seinem Standardwerk Die Vernichtung der europäischen Juden nur auf die Quellen der Täter (Akten, Befehle usw.) bezogen, setzt sich eingehend mit den Quellen der Opfer auseinander, den mit Überlebenden der Konzentrationslager geführten Gesprächen, ihren Erlebnisberichten, Memoiren und Zeichnungen, und erörtert ihre historische Aussagekraft. Dennoch erweist sich das Buch an den Stellen am klarsten und nachvollziehbarsten, wo der Autor seine immense Kenntnis und interpretatorische Präzision hinsichtlich der Quellen nationalsozialistischer Bürokratie konzis mitteilt. Zugleich gibt er einen gut informierten und problemorientierten Überblick über den Stand der Forschung zur Geschichte des Holocaust. Ausführliche Personenregister, Sach- und Ortsregister geben dem Band Handbuchcharakter.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Raul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Frankfurt a. M.: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19052-die-quellen-des-holocaust_22125, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 22125
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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