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/ 21.06.2013
Anthony C. Grayling

Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen? Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt

München: C. Bertelsmann 2007; 414 S.; 22,95 €; ISBN 978-3-570-00845-4
„Kann es überhaupt Umstände geben, unter denen die Tötung von Zivilpersonen in Kriegszeiten kein moralisches Verbrechen darstellt?“ (23), fragt der britische Philosoph Grayling. Er geht dieser Frage am Beispiel der Flächenbombardements der Alliierten auf deutsche und japanische Städte während des Zweiten Weltkriegs nach, wobei er diese Themenwahl dreifach begründet: Dass die Nachfahren der Bombardierten Fragen über die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern stellten, sei ein triftiger Grund „für den Versuch, diese Kontroverse heute endgültig beizulegen“ (13). Es gelte die historische Wahrheit herauszuarbeiten, bevor diese durch Legendenbildung verdreht werde. Außerdem seien „Schlussfolgerungen über das angemessene Verhalten von Völkern und Staaten zu ziehen“ (14). Grayling geht es ausdrücklich nicht darum, den Einsatz der alliierten Piloten herabzusetzen, auch stehe außer Frage, dass das Verbrechen des Holocausts ungleich schwerer wiege. Aber kann es in einem gerechten Krieg ungerechte Handlungen geben? Grayling stellt die Argumente gegenüber, bezieht die Erfahrungen der Bombardierten und die Überlegungen der strategischen Planer des Bombenkriegs ein und zitiert zeitgenössische Kritiker. Er stellt fest, dass die Deutschen durch die Flächenbombardements – anders als beabsichtigt – nicht demoralisiert wurden und zudem Zwangsarbeiter zur Verfügung hatten, die die Leichen und Trümmer wegräumen mussten. Auch die Industrieproduktion sei nicht eingebrochen. Zudem wurden die Flächenbombardements „erst dann in vollem Umfang aufgenommen [...], als sich das Kriegsglück bereits gegen Deutschland gewendet hatte“ (299). Grayling kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass zumindest unausgesprochen mit dieser massiven Zerstörung von Städten einschließlich ihrer Universitäten, Baudenkmäler und anderen kulturellen Güter eine Kultur vernichtet werden sollte. Auch nach den Leitlinien der späteren Nürnberger Prozesse seien diese Flächenbombardements nicht zu rechtfertigen, weil sie unverhältnismäßig gewesen seien und jeglichen humanitären Grundsätzen widersprochen hätten.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Anthony C. Grayling: Die toten Städte. München: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27341-die-toten-staedte_32014, veröffentlicht am 03.12.2007. Buch-Nr.: 32014 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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