/ 11.06.2013
George Bailey / Sergej A. Kondraschow / David E. Murphy
Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin. Aus dem Amerikanischen von Ralf Friese, Herrmann Kusterer und Klaus-Dieter Schmidt
Berlin: Ullstein 2000; 526 S.; 32,90 DM; ISBN 3-548-26569-3Die drei Autoren waren selbst Akteure: Bailey war im Zweiten Weltkrieg US-Verbindungsoffizier zur Roten Armee, arbeitete später als Betreuungsoffizier für sowjetische Überläufer. Kondraschow, 1944 bis 1992 Mitglied des KGB, war in den fünfziger und sechziger Jahren Leiter der Deutschland-Abteilung der Auslandsaufklärung und damit auch zuständig für die Berlin-Operationen. Murphy gehörte von 1947 bis 1977 zur CIA und war von 1945 bis 1959 Stellvertretender Leiter und bis 1961 Leiter der Operationsbasis Berlin; bis 1968 führte er die Abteilung Sowjetrussland im CIA-Hauptquartier in Washington. Das lesenswerte Buch bietet vielerlei: Einsichten in Geheimdienstoperationen, in die Schwierigkeiten zwischen KGB und MfS, zwischen CIA und BND, über spektakuläre Überläufer- und Abhöraktionen. Gleichzeitig halten die Autoren engen Kontakt zur politischen Geschichte, denn gerade hier wirkte sich die Arbeit der Geheimdienste unmittelbar aus. Es ist erstaunlich, wie wenig die Kontrahenten in Berlin voneinander wussten, just an der Nahtstelle des Ost-West-Konflikts. Die feindlichen Dienste hatten einerseits mit Entführungen, Beschattungen, Ausspähungen, Agentenanwerbungen, Doppelagenten, toten Briefkästen und "sicheren" Häusern zu tun, andererseits mussten sie die schwierige Aufgabe bewältigen, das lückenhafte Nachrichtenmaterial zu analysieren, und aufzubereiten, damit es politisch verwertbar war. Aber trotz mitunter gewaltiger und gefährlicher Anstrengungen bei der Nachrichtenbeschaffung konnten die Dienste ihre Wissenslücken nicht schließen. Das beiderseitige Nichtwissen führte zu eklatanten Fehleinschätzungen, wie zum Beispiel die der Sowjets über die westalliierte Reaktion auf die Berliner Blockade, oder zum Beispiel die der Westalliierten, die durch den Mauerbau 1961 vollkommen überrascht wurden, weil ihre Geheimdienste allenfalls mit einem separaten Friedensvertrag zwischen der UdSSR und der DDR rechneten. Die Autoren stützen ihre Darstellung auch auf Geheimmaterial aus dem Archiv des Auslandsnachrichtendienstes der Russischen Föderation und aus CIA-Quellen. Hier handelt es sich um die Taschenbuchausgabe des 1977 im Propyläen Verlag erschienenen Buches.
Inhalt: I. Die Fronten bilden sich heraus: Die Berliner Operationsbasis der CIA; Die Sowjetische Residentur in Karlshorst; Die Berliner Blockade; Der Koreakrieg; Kalte Krieger in Berlin. II. Die Krisenjahre: Der Staatssicherheitsdienst der DDR; Stalins Friedensangebot; Der Sowjetische Geheimdienst nach Stalins Tod; Der 17. Juni 1953; Der Fall Otto John. III. Die Berliner Operationsbasis in Aktion: Der Berliner Tunnel; Programme für Überläufer; Operationsziel Karlshorst; Das Spiel der Illegalen. IV. Machtproben: KGB und MfS: Partner oder Konkurrenten?; Das Chruschtschow-Ultimatum; Die sowjetische Propagandakampagne wird abgewehrt; Bluffs, Drohungen und Gegendruck. V. Die Berliner Mauer: Vorbereitung auf das Unvermeidliche; Countdown zum Mauerbau; Gewinner und Verlierer.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.313 | 4.22 | 2.64 | 2.62 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: George Bailey / Sergej A. Kondraschow / David E. Murphy: Die unsichtbare Front. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10923-die-unsichtbare-front_12915, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12915
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Dr., Historiker.
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