/ 19.06.2013
Bernd Eisenfeld / Ilko-Sascha Kowalczuk / Ehrhart Neubert
Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte
Bremen: Edition Temmen 2004 (Analysen und Dokumente); 847 S.; hardc., 29,90 €; ISBN 3-86108-387-6„[W]as fehlte der deutschen Gesellschaft, ihrer Republik und Europa, wenn der ‚17. Juni' nicht erinnert würde?“ (16) Mit dem Publikationsboom von 2003 zum 50. Jahrestag dieser gescheiterten Revolution ist für die Autoren deren Rezeptionsgeschichte keinesfalls geklärt. Denn diese Neuentdeckung habe im Kontrast zum Umgang mit dem „17. Juni“ in der DDR und in der alten Bundesrepublik gestanden, der von „Zurückweisung, Nivellierung und Verdrängung“ (18) geprägt gewesen sei. Gleichzeitig mit der Erinnerung würden im Fernsehen nostalgische DDR-Shows gesendet und damit ignorant Alltag und Diktatur voneinander getrennt, obwohl sie nicht zu trennen seien, kritisieren die Autoren, die alle als wissenschaftliche Mitarbeiter in der Birthler-Behörde tätig sind. Sie beginnen daher mit dem Anspruch totalitärer Regime auf eine Einheit von Regierung und Regierten und der gleichzeitigen, im System angelegten Spaltung der Gesellschaft in den sozialistischen Staaten des sowjetischen Machtbereichs. Außerdem ordnen sie den „17. Juni“ in die Reihe der Aufstände in Osteuropa ein, die 1918 begannen. Deren Scheitern habe zwar den „Mythos eines unbesiegbaren Kommunismus“ (66) begründet, aber auch die Legitimationsdefizite aufgezeigt. Außerdem wird gefragt, warum die frühen Erhebungen scheiterten, die späteren aber den Kommunismus überwanden. Sehr umfangreich analysieren die Autoren die Rezeption des „17. Juni“ in der alten Bundesrepublik und dessen Verdrängung in der DDR sowie die Wahrnehmung seit 1989. Sie belegen eindrucksvoll in fast „jedem Kapitel dieses Buches [...], dass der ‚17. Juni' als ein Medium der deutschen Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte fungierte, das die politisch scheinbar stabilen Grenzen immer wieder sprengte“ (19). Für die Gegenwart und Zukunft rücken sie die europäische Dimension in den Mittelpunkt: „Die wichtigste transnationale gemeinsame Erinnerung aller ostmitteleuropäischen Staaten bezieht sich auf den gemeinsamen Widerstand.“ (822) Als eine Freiheitsbewegung, die durchaus mit der Französischen Revolution in Beziehung gesetzt werden könne, sei der „17. Juni“ in den Dienst der europäischen Identitätsfindung (822) zu stellen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 | 2.313 | 2.35 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Bernd Eisenfeld / Ilko-Sascha Kowalczuk / Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Bremen: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20532-die-verdraengte-revolution_23948, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 23948
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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