Skip to main content
/ 21.06.2013
Friedemann Schmoll

Die Vermessung der Kultur. Der "Atlas der deutschen Volkskunde" und die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1928-1980

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009 (Studien zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 5); 331 S.; kart., 48,- €; ISBN 978-3-515-09298-2
Der Atlas der Deutschen Volkskunde ist eines der größten geistesgeschichtlichen Langzeitprojekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Erste Planungen begannen nach Ende des Ersten Weltkriegs und lagen nach Schmoll in der „Sorge um das in der Entfaltung der Industriemoderne hinabdämmernde kulturelle Erbe“ (9) begründet. Die Volkskunde war bis zu jenem Zeitpunkt institutionell nur rudimentär an den Universitäten etabliert, rang um theoretische Fundierung und galt als randständig. Dass nun ein solches Fach mit enormen finanziellen und personellen Ressourcen ausgestattet wurde, resultierte aus dem Bestreben der DFG, ihr Steuerungsprinzip interdisziplinärer Gemeinschaftsarbeiten auf den Bereich der Geisteswissenschaften auszudehnen, die sich in jenen Jahren in einer Legitimationskrise befanden. Dabei erstaunt die offene Funktionalisierung, die Initiatoren und Akteure mit dem Projekt betrieben. „Wissenschaft wurde explizit als ein Instrument der gesellschaftlichen und technologischen Krisenbewältigung betrachtet und enger an gesellschaftliche und politische Zielvorgaben gebunden“ (27). Politischer Autoritätszerfall, militärischer Machtverlust, territoriale Verluste und soziale Spannungen sollten durch kulturelle Sinn- und Identitätsproduktion kompensiert werden. Die Verflechtungen von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit setzten sich von der Weimarer Republik, über den Nationalsozialismus, die DDR und die Bundesrepublik hin fort. In den 50er-Jahren bezog das Fach in der Bundesrepublik seine Legitimation aus der Situation der Vertriebenen und der Systemkonkurrenz mit der starken volkskundlichen Forschung der sozialistischen Staaten. Erst in den 70er-Jahren führten die Defizite des Projekts zu einer Reduzierung und schließlich Einstellung der Förderung. Die Erhebung der räumlichen Verbreitung volkskundlicher Gegenstände fragte nicht nach deren Trägern, sodass weder „Stadt-Land-Differenzen noch spezifisch soziale Ausprägungen“ (287) sichtbar wurden.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.22.3112.3122.313 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Friedemann Schmoll: Die Vermessung der Kultur. Stuttgart: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31041-die-vermessung-der-kultur_36900, veröffentlicht am 26.08.2009. Buch-Nr.: 36900 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA