/ 22.06.2013
Simone Weil (Hrsg.)
Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber. Aus dem Französischen von Marianne Schneider
Zürich: diaphanes 2011; 284 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-03734-161-2Weil, französische Philosophin und engagiert im französischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten, starb 1943 im Alter von 34 Jahren in England an Tuberkulose. In der Endphase ihres Lebens entstand das vorliegende Werk, das posthum veröffentlicht und nun nach 1956 zum zweiten Mal ins Deutsche übertragen wurde. Zentral sind für Weil die Begriffe Pflicht und Verwurzelung. Pflichten sind für Weil höher zu bewerten als Rechte. Zwar seien Pflichten und Rechte miteinander verbunden, metaphysisch begründend gelten Pflichten für Weil jedoch einem anderen, unabhängig von Bedingungen existierenden Bereich zugehörig, während Rechte von den tatsächlichen Bedingungen abhängig seien. Die Pflichten versucht Weil nun explizit aus den menschlichen Bedürfnissen des Körpers und der Seele herauszuarbeiten, wenn auch manches Mal durch die kurze Abhandlung mehr postulierend als überzeugend argumentierend. Für Weil gehören zu den essenziellen Notwendigkeiten eines Menschen u. a. die Ordnung, die Freiheit, die Gleichheit und auch der Gehorsam. Während diese Auflistung den ersten Teil des Buches ausmacht, geht es im zweiten und dritten Teil um die Verwurzelung. Auch diese gehört nach Weil zu den existenziellen Bedürfnissen eines Menschen. Allerdings erkennt sie in ihrer damaligen Zeit vielfache Entwurzelungen, wobei dieser Begriff an den der Entfremdung erinnern lässt. Weil beschreibt Entwurzelungsprozesse der Arbeiter und Bauern, diese hingen mit den Bedingungen in einer kapitalistischen Gesellschaft zusammen, in der durch das Geld alles nur noch auf Gewinnstreben ausgerichtet sei. Davon betroffen sei auch die Bildung, die für Weil zentral ist, um die Tendenzen der Entwurzelung für Arbeiter und Bauern rückgängig zu machen. Sie macht ganz konkrete Vorschläge, wie dies auszusehen habe, z. B. sollten Arbeiter nur noch den halben Tag arbeiten, um sich den Rest des Tages anderen nützlichen Dingen widmen zu können. Auch die Eigentumsverhältnisse sollten mittels einer dezentral organisierten Wirtschaft so verändert werden, dass es keine großen Firmen mehr geben sollte. Stattdessen sollte der Staat jedem Arbeiter einen Anteil an den dezentralen „Werkstätten“ (71) schenken. Weils philosophischer Ideenreichtum endet damit noch nicht, kann jedoch an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Insgesamt mögen viele Vorschläge Weils antiquiert vorkommen und auch die metaphysische Argumentation mag manchem nicht behagen. Die Ernsthaftigkeit und das Engagement, mit dem diese Gedanken vorgetragen werden, verlangen einem jedoch Respekt ab und machen gerade aufgrund der besonderen Art des Denkens die Auseinandersetzung lohnenswert.
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.41 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Simone Weil (Hrsg.): Die Verwurzelung. Zürich: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35029-die-verwurzelung_42155, veröffentlicht am 07.06.2012.
Buch-Nr.: 42155
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Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
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