Skip to main content
/ 21.06.2013
Jens Maeße

Die vielen Stimmen des Bologna-Prozesses. Zur diskursiven Logik eines bildungspolitischen Programms

Bielefeld: transcript 2010 (ScienceStudies); 282 S.; kart., 28,80 €; ISBN 978-3-8376-1322-3
Diss. phil. Magdeburg; Gutachter: E. Dittrich. – Die Bologna-Erklärung und einige (Teile der) Nachfolgekommuniqués werden in dieser für die Publikation stark überarbeiteten Dissertationsschrift einer äußerungstheoretischen Diskursanalyse in der Tradition Foucaults unterzogen. Der Autor zeigt, dass sich in den besagten Unterlagen lediglich Allgemeinplätze, aber keine konkreten Handlungsanleitungen finden, was viele Probleme in der Umsetzungspraxis des Bologna-Prozesses erklärt. Sowohl Status quo als auch die Entstehungsgeschichte des Europäischen Hochschulraums werden mittels einer Analyse der Politics-Mechanismen hintergründig erklärt. Am Beispiel Deutschlands zeigt Maeße, „durch welche Techniken und Strategien die Akteure [...] dazu gebracht wurden, sich an einer Reform zu beteiligen, die Ende der 1990er Jahre mit einer dreiseitigen Erklärung begann“ (12). Da Hintergründe und Dynamiken des Prozesses jedoch für die meisten kontinentaleuropäischen Länder ähnlich sind, ist Maeßes Analyse auch über Deutschland hinaus von hohem Erklärungswert. Denn der Erfolg einer lediglich drei – und darüber hinaus nichtssagenden – Seiten umfassenden Erklärung ohne rechtliche Verbindlichkeit lässt staunen. Der Autor sieht den Prozess daher als „Internationalisierungsphänomen“ (45), dessen Grundlagen sich bis zum Ökonomisierungsdruck auf die Hochschulbildung im Rahmen des GATS zurückverfolgen lassen. Dadurch liest sich das Buch seitenweise beinahe als (Hochschul-)Politkrimi, an dessen Ausgangspunkt das genretypische „Whodunnit?“ steht. Dass Maeße seine Schrift unter dem Eindruck der Hörsaalbesetzungen des Herbsts 2009 vollendet hat, macht sich vor allem im Schlusskapitel bemerkbar. Darin liefert der Autor einen Seitenblick auf die Folgen des Bologna-Prozesses, nämlich eine „Rückkehr des Politischen“ (255). Er meint, dass die politische Form des Konsenses, in der Bologna entschieden wurde, das eigentlich Politische unterdrückt, welches nun aber andere Wege sucht – und findet: auf den Straßen, in den besetzten Hörsälen: „Der Widerstand gegen Bologna war als antagonistisches, politisches Element immer schon Teil der politischen Form des Konsenses.“ (259)
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 3.52.2632.61 Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: Jens Maeße: Die vielen Stimmen des Bologna-Prozesses. Bielefeld: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31558-die-vielen-stimmen-des-bologna-prozesses_37583, veröffentlicht am 04.05.2010. Buch-Nr.: 37583 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA