/ 18.06.2013
Mark Roseman
Die Wannsee-Konferenz. Wie die NS-Bürokratie den Holocaust organisierte
Berlin/München: Propyläen Verlag 2002; 221 S.; geb., 19,- €; ISBN 3-549-07150-7Warum trafen sich am 20. Januar 1942 führende Vertreter des NS-Regimes auf Einladung des Chefs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich in der Berliner Villa Am Großen Wannsee zu einer Konferenz mit anschließendem Frühstück, um die Koordinierung der Zusammenarbeit aller an der "Endlösung" beteiligten Dienststellen zu beraten, obwohl zu diesem Zeitpunkt der Holocaust bereits in vollem Gang war? Der durch zahlreiche Veröffentlichungen zur jüngeren deutschen Geschichte bekannte Professor für Zeitgeschichte in Southampton, der Historiker Roseman, hat folgende Antwort: "Das Morden brachte die Idee des Genozids hervor, wie auch umgekehrt die Idee des Genozids das Morden. Dabei stellt sich die Wannsee-Konferenz als bedeutender Schlussakt im Prozess der Verwandlung des Massenmords in den Genozid heraus." (14) Die Ergebnisse des Treffens sind in einem als "Geheime Reichsakte" deklarierten Protokoll festgehalten, das Adolf Eichmann führte. Es beinhaltet einen Vortrag Heydrichs, in dem er einen Überblick über die bis 1941 ergriffenen antijüdischen Maßnahmen gab und Pläne für die noch in Europa lebenden Juden nannte. In der darauf folgenden Beratung ging es auch darum, wie mit "'Halb-' und 'Vierteljuden'", mit "Mischehen" zwischen Juden und Nichtjuden zu verfahren sei. Das "Wannsee-Protokoll" wurde im März 1947 in einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse entdeckt - Holocaust-Leugner haben vereinzelt behauptet, es handele sich um eine Fälschung. Roseman sieht in dem Dokument ein "Symbol des Holocausts. Einerseits existiert es; seine Echtheit ist unleugbar und seine bleierne Nüchternheit ebenso unfassbar wie unergründlich." (10) Der Text des Buches ist sehr flüssig geschrieben; im Anhang befinden sich eine Stellungnahme Norbert Kampes, des Leiters der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz zur Überlieferungsgeschichte und zum Fälschungsvorwurf sowie der Faksimiledruck der 15 Maschinenseiten umfassenden Niederschrift Eichmanns.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Mark Roseman: Die Wannsee-Konferenz. Berlin/München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17421-die-wannsee-konferenz_20057, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20057
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