/ 18.06.2013
Anke Müller
Die "Zukunft" des Imperialismus. Prognosesicherheit in den Imperialismustheorien von Rosa Luxemburg, Lenin, Rudolf Hilferding und Nikolai Bucharin
Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2003 (Studien zur Zeitgeschichte 36); 177 S.; 68,- €; ISBN 3-8300-1240-3Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates, „die Durchdringung des Finanzkapitals der Dritten Welt" (10) und der Aufstieg der USA als globale Macht - die Autorin vertritt die Ansicht, das diese vier Entwicklungen von Luxemburg, Lenin, Hilferding und Bucharin im Rahmen von deren Imperialismus-Theorien richtig prognostiziert wurden. Müllers systemimmanent angelegte Analyse basiert auf schwachen Argumenten. Die Prognose beispielsweise, dass sich Wohlfahrtsstaaten entwickeln werden, sieht die Autorin, die eine marxistische Position einnimmt, selbst in den Schriften der genannten Theoretiker nur implizit angekündigt; im Fall von Lenin interpretiert sie sogar dessen Theorie einer künftigen „Arbeiteraristokratie" (43) als Vorläufer des Wohlfahrtsstaates - es darf wohl sehr bezweifelt werden, dass Müller damit die Intention Lenins richtig erfasst hat. Außerdem erscheint die „richtige" Prognose keinesfalls als Glanzleistung, verweist doch die Autorin selbst darauf, dass im Deutschen Reich die ersten Sozialversicherungssysteme in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts eingeführt, die von ihr untersuchten Schriften aber erst zwischen 1910 und 1917 geschrieben wurden. In weiten Teilen besteht Müllers Arbeit aus einer eher essayistischen Zusammenfassung u. a. der Lage der Entwicklungspolitik, der US-amerikanischen Außenpolitik und des „Militarismus nach dem Zweiten Weltkrieg" (151). In ihrer Beurteilung des modernen Wohlfahrtsstaates, mit dem der Kapitalismus die Arbeiter manipuliert habe, macht Müller noch einmal ihren eigenen marxistischen Standpunkt deutlich. Ihre These, dass die genannten Theoretiker die vier untersuchten Entwicklungen richtig prognostiziert haben, ist insgesamt wenig beeindruckend. Ihre Schlussfolgerung, Luxemburg, Lenin, Hilferding und Bucharin sollten im Hinblick auf die weitere Entwicklung des Kapitalismus noch einmal gelesen werden, ist auf der Grundlage dieser Arbeit wenig überzeugend.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.46 | 5.43 | 2.311
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Anke Müller: Die "Zukunft" des Imperialismus. Hamburg: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20463-die-zukunft-des-imperialismus_23854, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 23854
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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