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/ 21.06.2013
Christoph Studt

"Diener des Staates" oder "Widerstand zwischen den Zeilen"? Die Rolle der Presse im "Dritten Reich"

Berlin: Lit 2007 (Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e. V. 8); II, 195 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-8258-9781-9
Die Beschäftigung mit der Presse eröffne den Blick auf ein Themenfeld, das in seiner „changierenden Vielschichtigkeit als beispielhafter Ausdruck der Lebenswirklichkeit des ‚Dritten Reiches’“ (3) diene, schreibt Studt. Die Beiträge des Bandes gehen auf die 18. Königswinterer Tagung vom Februar 2005 zurück. Sösemann stellt einleitend allerdings fest, dass sich diese – angenommene – Vielschichtigkeit schnell verengte. Als Beispiel dient ihm die „Frankfurter Zeitung“ (FZ), die lange der Ruf umgab, irgendwie oppositionell gewesen zu sein – so auch im Aufsatz von Gillessen. Sösemann aber verwirft eine Perspektive, die auf staatliche Steuerungsmaßnahmen beschränkt ist, und berücksichtigt kommunikationspolitische Netzwerke sowie medien- und propagandapolitische Interessen. Das Potenzial von Distanz, Kritik oder Opposition sei bei der Beurteilung der FZ genau zu kennzeichnen, schreibt er und weist nach, dass diese seit dem NSDAP-Wahlerfolg 1932 ihre „zuvor praktizierte entschiedene Ablehnung aller radikaler Parteien“ (15) aufgab und Plädoyers für eine Regierungsbeteiligung der Nationalsozialisten veröffentlichte. Nach der Regierungsübernahme Hitlers verschwand dann im Laufe des Jahres 1933 „objektiv die Möglichkeit zu freier, verantwortungsbewusster journalistischer Tätigkeit“ (19). Auch die FZ adaptierte den NS-Jargon, ihr Profil verschwamm „zunehmend im Nebulösen“ (26). Aus Sicht des Regimes diente die vordergründig unabhängige Zeitung als Feigenblatt, um dem Ausland Meinungsvielfalt zu demonstrieren. Als diese Funktion nach Kriegsbeginn bedeutungslos geworden war, musste die FZ, die nur noch 25.000 Leser hatte, eingestellt werden. Gleichzeitig gelang es dem Regime nicht, eigenen Vorstellungen entsprechend journalistischen Nachwuchs auszubilden, wie Müsse mit Blick auf die Reichspresseschule zeigt. Diese hatte sich mit Schülern herumzuschlagen, die Ernst Jünger für einen kommunistischen Literaten hielten, und ging schließlich an Geldmangel ein. Den Typus eines neuen Journalisten erschaffte sie nicht.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Christoph Studt: "Diener des Staates" oder "Widerstand zwischen den Zeilen"?, Berlin: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28591-diener-des-staates-oder-widerstand-zwischen-den-zeilen, veröffentlicht am 07.04.2008. Buch-Nr.: 33697 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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