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/ 17.06.2013
Ulrich Thiele

Distributive Gerechtigkeit und demokratischer Staat. Fichtes Rechtslehre von 1796 zwischen vorkantischem und kantischem Naturrecht

Berlin: Duncker & Humblot 2002 (Schriften zur Rechtstheorie 207); 109 S.; 48,- €; ISBN 3-428-10563-X
Fichtes "Geschlossener Handelsstaat" von 1800 irritiert: Hier wird eine "wohlfahrtsdespotische Staatsutopie" entworfen, "die der freiheitsrechtlichen Grundorientierung des Naturrechts der Aufklärung diametral entgegensteht" (7). Deshalb stellt sich die Frage, inwiefern die despotischen Elemente des "Handelsstaats" in Fichtes "Rechtslehre" von 1796 und in seiner Interpretation der Naturrechtslehren von Kant und Rousseau angelegt sind. Im Unterschied zu anderen Interpreten sieht Thiele den Zusammenhang nicht primär in der Eigentumslehre oder in den zahlreichen "Rousseauismen" (100) der "Rechtslehre", sondern in Fichtes grundsätzlichem Verständnis der Verfassung: Nur im verfassungsrechtlichen Ausnahmefall liegen die Souveränität und die Gesetzgebungskompetenz beim Volk, im Regelfall dagegen bei der Regierung. Die Wurzel dieses "autoritative[n] Staatsmodells" ohne Gewaltenteilung sieht Thiele in einem Missverständnis der Kritik von Kant und Rousseau an der antiken Demokratie. Inhalt: 1. Das wohlfahrtsdespotische Staatsmodell der Schrift über den Geschlossenen Handelsstaat als Konsequenz der frühen Naturrechtslehre?; 2. Fichtes Selbstpositionierung im Jahr 1796; 3. Urrecht und Privateigentum; 4. Urrecht und allgemeines Rechtsprinzip; 5. Das Gleichgewicht der Rechte in Hinblick auf die zwei Komponenten des Urrechts; 6. Das Principium exeundum e statu naturali; 7. Die Notwendigkeit der Transformation des natürlichen Privatrechts in Zwangsrecht; 8. Der Staatsbürgervertrag als verfassunggebender Akt?; 9. Fichtes Position in der Frage nach den organisatorischen Verfassungskomponenten; 10. Fichtes Fehlinterpretation der Demokratiekritik Rousseaus und Kants; 11. Die Doppelfunktion des Ephorats: Verfassungwahrende Jury und Demokratieersatz; 12. Ephorat, Staatsinterdikt und pouvoir constituant; 13. Die vertragliche Komponente des Staatsbürgervertrages als Erklärungsgrund für Fichtes vordemokratische Gewaltenteilungskonzeption?
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.33 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Ulrich Thiele: Distributive Gerechtigkeit und demokratischer Staat. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16509-distributive-gerechtigkeit-und-demokratischer-staat_18954, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18954 Rezension drucken
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