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/ 21.06.2013
Ralph Dietl

Emanzipation und Kontrolle. Europa in der westlichen Sicherheitspolitik 1948-1963. Eine Innenansicht des westlichen Bündnisses. Band I: Der Ordnungsfaktor Europa 1948-1958

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2006 (Historische Mitteilungen 64); 541 S.; kart., 85,- €; ISBN 978-3-515-08915-9
Diese Studie ist den sicherheitspolitischen Grundstrukturen der Nachkriegsordnung in Europa bis zur Wahl Präsident de Gaulles im Dezember 1958 gewidmet. Im Zentrum steht eine Untersuchung der Funktion des Ordnungsfaktors Europa für die westliche Sicherheitspolitik. Dietl hinterfragt die These, derzufolge das Entstehen der Atlantischen Allianz dem Bestreben der europäischen Staaten nach einer autonomen Sicherheits- und Verteidigungspolitik ein Ende gesetzt habe. Vor diesem Hintergrund werden zuerst die Determinanten der Integration Europas unter amerikanischer Führung zu Beginn der 50er-Jahre ergründet. Dabei weist der Autor der NATO bereits in ihrer Frühphase weitaus mehr Funktionen zu als üblicherweise postuliert werden. Sie sei nicht nur ein Zusammenschluss zur kollektiven Verteidigung gewesen, sondern immer auch eine multifunktionale Organisation, die auch Transmissionsriemen amerikanischer Interessen und politischer Rahmen für die Rekonstruktion Europas nach dem Zweiten Weltkrieg war. Anschließend untersucht er die sicherheitspolitischen Ordnungsvorstellungen der europäischen Nationalstaaten, die dem Einigungsprozess zugrunde lagen. Dabei weist er nach, in welchem Maße sie ein Interesse an der Bewahrung der WEU als Unterorgan der Allianz zur Koordination ihrer Interessen und zur gezielten Duplizierung von NATO-Funktionen für den Fall der Reform- und Handlungsunfähigkeit der Allianz hatten. Die Gründe für den Aufbau der multiinstitutionellen euro-atlantischen Sicherheitsarchitektur wie auch für deren Wandel sieht er vor allem im Interesse der sicherheitspolitischen Emanzipation der Europäer begründet. Der Autor gelangt so zu einer Reinterpretation der Genese der westlichen Sicherheitsarchitektur mit weitreichenden Implikationen für das gängige Verständnis des Kalten Krieges.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 4.24.14.32.612.644.22 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Ralph Dietl: Emanzipation und Kontrolle. Stuttgart: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26922-emanzipation-und-kontrolle_31424, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 31424 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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