/ 20.06.2013
Rahel Jaeggi
Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2005 (Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie 8); 267 S.; kart., 24,90 €; ISBN 978-3-593-37886-2Der Begriff der Entfremdung kennzeichnet unstrittig eine der zentralen Intentionen der Frankfurter Schule wie des Marxismus, sich mit gesellschaftlichen Verhältnissen kritisch auseinanderzusetzen. Gemeint waren damit soziale Konstellationen, die sich – letztlich ökonomisch bedingt – gegenüber Individuen und Gruppen derart verselbständigt haben, dass sie, obschon gesellschaftlich erzeugt, nur noch als fremde Mächte erlebt werden können. Dieser Typus von Gesellschaftskritik lässt sich heute aus theoretischen Gründen nicht mehr umstandslos fortsetzen, weil er zu sehr noch an die Vorstellung einer vorgängigen – unentfremdeten – Natur des Menschen gebunden ist. Angesichts der dynamischen Entwicklung des globalisierten Kapitalismus spricht indes wenig dafür, dass mit dem Veralten der klassischen Begrifflichkeit auch das Problem selbst verschwunden wäre. Jaeggi verfolgt nun in ihrer überzeugenden Studie eine Rehabilitierung der Entfremdungskategorie als sozialphilosophischer Grundbegriff. Diese Absicht erfordert nicht nur eine Vergegenwärtigung der Begriffsgeschichte, sondern – wenn denn der Essentialismus des klassischen Konzeptes überwunden werden soll – ebenso sehr eine Transformation des Begriffes selbst. Im Zentrum ihrer systematischen Reformulierung steht – im Anschluss an Tugendhat – die Überlegung, Entfremdung formal zu fassen, als eine besondere Form des Freiheitsverlustes, die Menschen in ihrem Vermögen behindert, eigene Welt- und Selbstbezüge auszubilden. Im ersten Teil ihrer Arbeit entwickelt die Autorin den Entfremdungsbegriff in historisch-systematischer Perspektive. Der dabei vorgestellte Rekonstruktionsvorschlag wird dann im zweiten Teil anhand von vier Fallbeispielen auf spezifische Dimensionen von Entfremdung bezogen. Im dritten Teil resümiert Jaeggi die systematischen Konsequenzen der begrifflichen Transformationen und geht abschließend auf den Zusammenhang von Selbstentfremdung und sozialer Entfremdung ein.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Rahel Jaeggi: Entfremdung. Frankfurt a. M./New York: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24935-entfremdung_28826, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28826
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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