/ 18.06.2013
Hans Jonas
Erinnerungen. Nach Gesprächen mit Rachel Salamander. Vorwort von Rachel Salamander. Geleitwort von Lore Jonas. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Christian Wiese
Frankfurt a. M./Leipzig: Insel Verlag 2003; 503 S.; geb., 24,90 €; ISBN 3-458-17156-8Als „Memorabilia", als „Denkwürdigkeiten", bezeichnet Jonas seine "Erinnerungen", die er in aufgezeichneten Gesprächen seinen Münchner Freunden Salamander und Sattler anvertraut hat. Neben ereignisreichen Anekdoten und bewegenden Geschichten seines Emigrantenlebens (1903-1993) beeindrucken insbesondere die Passagen, in denen er über seine Freundschaft mit Hannah Arendt und den Bruch mit seinem Lehrer Heidegger berichtet: „Das Einschwenken des tiefsten Denkers der Zeit in den tosenden Gleichschritt der braunen Bataillone erschien mir als katastrophales Debakel der Philosophie." (299) In Heidegger hat nach Jonas die Philosophie, speziell die Existenzphilosophie, gerade im existenziellen Sinne versagt. Gleichwohl - so Jonas - „die Welt ist für mich [...] niemals ein feindlicher Ort gewesen" (181). Dieses grundlegende Lebensgefühl weist - wie es Wiese im Nachwort interpretiert - „über das rein Biographische hinaus" (391) und lässt das Grundmotiv seines gegen den Nihilismus gerichteten Philosophierens durchscheinen: "Das Prinzip Verantwortung" (1979) als ethische Antwort auf die globale Herausforderung der „Weiterwohnlichkeit der Welt" (407). Bereits in den "Lehrbriefen", die er in den Jahren 1944/45 als freiwilliger Soldat der Jewish Brigade Group an seine Frau Lore nach Palästina sendet - sie sind als 14. Kapitel den "Erinnerungen" beigefügt -, wendet sich Jonas gegen den „Kult menschenverachtender Macht" (392). Sein "Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation" - so der Untertitel seines Werks "Das Prinzip Verantwortung" - ist in diesen Briefen bereits im Keim angelegt. Vom Ende her lässt sich Jonas Lebensgeschichte als „Revolte wider die Weltflucht" (Micha Brumlik) begreifen. Sein geistiges Vermächtnis ermutigt uns, „auf die Fähigkeit der Vernunft zu vertrauen, sich in verantwortungsvoller Selbstbegrenzung dem Verhängnis ihrer eigenen Machtentfaltung zu stellen" (424).
Karl-Heinz Breier (KHB)
Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie, Universität Vechta.
Rubrizierung: 1.3 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Karl-Heinz Breier, Rezension zu: Hans Jonas: Erinnerungen. Frankfurt a. M./Leipzig: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18928-erinnerungen_21959, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 21959
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Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie, Universität Vechta.
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