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/ 21.06.2013
Klaus-Dieter Baumgarten

Erinnerungen. Autobiographie des Chefs der Grenztruppen der DDR

Berlin: edition ost 2008; 350 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-360-01095-7
Als ehemaliger Chef der Grenztruppen der DDR will Baumgarten „dazu beitragen, […] ein wahres Bild der historischen Abläufe […] an den Grenzen der DDR zu hinterlassen“. Es geht ihm um eine „Richtigstellung“ von „Verfälschungen“ (5), denn, so Baumgarten im Vorwort, aufgrund seiner hohen Führungsfunktionen habe er die Kompetenz und das Recht dazu. Gerade diese Position im militärischen und politischen Apparat lässt tiefe Einblicke in das DDR-Regime erwarten. Aufgrund seiner akademischen Ausbildung war er überdies intellektuell in der Lage, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu hinterfragen und kritisch zu reflektieren. Leider bleibt diese Chance ungenutzt. Stattdessen lesen sich Baumgartens „Erinnerungen“ wie eine offizielle SED-Propagandapublikation. Mit keiner Silbe wird die menschenrechtsmissachtende DDR-Innenpolitik kritisiert. Zum Beispiel werden dem Volksaufstand 1953 zwar „berechtigte Forderungen der Arbeiter“ bescheinigt, jedoch sofort verworfen, da diese bloß von „reaktionären Kräften“ außerhalb der DDR ausgenutzt und verstärkt worden seien (45 f.). Diese blind linientreue Sicht setzt sich ungebrochen fort. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung der Grenztruppen – meist abgekoppelt vom Alltag der Bevölkerung. Im zweiten Teil des Buches klagt Baumgarten die bundesdeutsche Prozessführung gegen seine Person an, spricht ihr Rechtsstaatlichkeit ab. Er fühlt sich zu Unrecht verurteilt, will Schuld und Verantwortung nicht eingestehen. Baumgarten ist zwar seine Loyalität und Treue zum DDR-Staat grundsätzlich kaum vorzuwerfen. Es ist jedoch ein Unterschied, als Soldat eine Grenze befehlsgemäß zu bewachen oder aktiv daran zu arbeiten, das Grundrecht auf Freizügigkeit des eigenen Volkes gewaltsam einzuschränken, letztlich unbewaffnete Flüchtlinge ermorden zu lassen. Insgesamt sind die „Erinnerungen“ Klaus-Dieter Baumgartens die ideologisch verquaste, unkritische und einseitige Lebensgeschichte eines verbitterten alten Mannes, dem offenbar jedes Verständnis für die Lebenswelt nichtprivilegierter DDR-Bürger fehlte.
Kieron Kleinert (KIK)
M. A., Historiker und Politikwissenschaftler, Offizier, Bundeswehr.
Rubrizierung: 2.32.3142.315 Empfohlene Zitierweise: Kieron Kleinert, Rezension zu: Klaus-Dieter Baumgarten: Erinnerungen. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29886-erinnerungen_35407, veröffentlicht am 03.12.2008. Buch-Nr.: 35407 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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