/ 21.06.2013
Priska Jones
Europa in der Karikatur. Deutsche und britische Darstellungen im 20. Jahrhundert
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2009 (Eigene und fremde Welten 15); 323 S.; 37,90 €; ISBN 978-3-593-38934-9Diss. HU Berlin; Gutachter: H. Kaelble, Gutachterin: L. Passerini. – Dass Karikaturen trotz oder gerade wegen der ihnen häufig inhärenten Vieldeutigkeit ein interessantes Feld zur Erforschung von Mentalitäten und politischen Momentaufnahmen sind, ist an sich nichts Neues. Wenn diese allerdings lange vor der europäischen Einigung ein Bewusstsein dokumentieren, das den Weg der Integration als geradezu folgerichtig erscheinen lässt, dann verdienen sie besondere Aufmerksamkeit. Jones hat für ihre vergleichende Studie Tausende von britischen und deutschen Europakarikaturen untersucht und systematisiert. Herausgekommen ist ein Panorama dreier besonders dynamischer Epochen, denn die Autorin beschränkt sich auf das Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg, auf den Zeitraum zwischen dem Inkrafttreten des Vertrages über die EG und der ersten Ablehnung der Mitgliedschaft Großbritanniens (1963) sowie auf die Zeit zwischen dem Europagipfel in Fontainebleau und der BSE-Krise (1984-1996). Egal, ob als Urmythos auf dem Stier, als altersschwache Frau, als Schiff, als Haus, als Festung – die Darstellung Europas hat eine lange Tradition. Im Bewusstsein beider Völker existierte es schon nach dem Ersten Weltkrieg, wenngleich es in deutschen Abbildungen häufig mit einem im Würgegriff Frankreichs gefangenen Deutschland gleichgesetzt wurde. Überhaupt war die Darstellung Europas in den 20er- und 50er-Jahren eine Auseinandersetzung mit Frankreich, das in der Perzeption beider Völker als Bedrohung oder als Saboteur in Erscheinung trat. Generell muss Jones konstatieren, dass negative Europabilder bis in den letzten Untersuchungszeitraum hinein dominieren – nicht nur bei den Euroskeptikern auf der Insel, sondern auch bei den übereifrigen „Musterschülern” der Integration auf dem Kontinent. Als politischer Bezugspunkt ist Europa heute aber für keine Seite mehr wegzudenken. Dass der Vergleich zwischen deutschen und britischen Karikaturen nur ein „weicher” (313) sein kann, ist der Autorin bewusst; aber dadurch, dass ihre Bilder „harte” Fakten schaffen und bestätigen, leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Aufwertung der visuellen Quellengattung als solcher.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 3.1 | 2.61 | 2.22 | 2.311 | 2.313 | 2.315 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Priska Jones: Europa in der Karikatur. Frankfurt a. M./New York: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31422-europa-in-der-karikatur_37405, veröffentlicht am 28.01.2010.
Buch-Nr.: 37405
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M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
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