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/ 22.06.2013
Tim Weiner

FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation. Aus dem Amerikanischen von Christa Prummer-Lehmair, Sonja Schuhmacher und Rita Seuß

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2012; 695 S.; geb., 22,99 €; ISBN 978-3-10-091071-4
Die „wahre Geschichte“ des FBI ist die niemals endende Suche nach dem inneren und äußeren Feind, der in anarchistischer, terroristischer und geheimdienstlicher Absicht gegen die USA antritt. Weiner lässt folgerichtig in seiner quellengesättigten Darstellung jegliche Struktur- und Organisationsgeschichte beiseite und verfolgt konsequent die „Feinde“ – wie es auch der Originaltitel „Enemies“ trefflich ausdrückt. Anfangs und für lange Zeit sind es die Kommunisten, später ist es die organisierte Kriminalität, aber mehr noch der Terror jeglicher Couleur. Dass der FBI-Gründer Hoover Geheimdossiers über eine Vielzahl von Mitmenschen anlegte, die dies nicht nur wussten, sondern auch fürchteten, illustriert einerseits die hysterischen Zeiten der McCarthy-Ära, zeichnet aber auch ein beeindruckendes Bild davon, wie die Macht eines einzelnen Beamten politische Entscheidungen herbeiführt, die deutlich außerhalb seiner Zuständigkeit liegen. Hoover verstand sein FBI nicht als Strafverfolgungsbehörde, sondern als einen Nachrichtendienst, gern auch mit globalen Zuständigkeiten, der sich jeglicher technischer Errungenschaften bediente, um tatsächliche oder vermeintliche Verdächtige abzuhören, ihre Post zu öffnen oder bei ihnen einzubrechen. Dass das FBI dabei außerhalb der Verfassung agierte, wurde durch Präsidenten seit Theodore Roosevelt nicht nur hingenommen, sondern auch teilweise forciert, immer argumentativ gedeckt durch den Verweis auf die nationale Sicherheit. Das FBI war aber weder unter Hoover, der sich seine Stellung auf Lebenszeit garantieren ließ, noch unter seinen Nachfolgern, die nur zehn Jahre im Amt bleiben durften, auf dem Feld des Kerngeschäftes überragend erfolgreich: die Spionage um die Atombombe konnte das FBI ebenso wenig verhindern wie die Terrorangriffe in den 1990er-Jahren und schließlich 2001. Und auch in der Spionageabwehr im eigenen Hause hatte das FBI – wie im Fall „Hansen“ – schwere Niederlagen einzustecken. Weiner schreibt keinen sensationslüsternen Verriss, aber auch keine Gefälligkeitsgeschichte. Durch seine nicht gänzlich unparteiische Herangehensweise macht er zwar keinen Hehl aus seiner Bewunderung für den machtpragmatischen Hoover, vor allem aber werden die Grenzen und die Potenziale eines Geheimdienstes in einem modernen Staat deutlich: FBI-Protagonisten mussten erkennen, dass jegliches Handeln außerhalb der Verfassung gerade denen schadet, die man schützen will: die Verfassung und die nationale Sicherheit. FBI-Gegner mussten einsehen, dass das „Bureau“ sehr reale Feinde jagt, die es am besten stellt, wenn man es nicht aus ideologischen Gründen knebelt.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.642.212.263 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Tim Weiner: FBI. Frankfurt a. M.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34980-fbi_42077, veröffentlicht am 10.05.2012. Buch-Nr.: 42077 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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