/ 06.06.2013
Georg Fülberth
Finis Germaniae. Deutsche Geschichte seit 1945
Köln: PapyRossa Verlag 2007; 318 S.; hardc., 19,90 €; ISBN 978-3-89438-360-2Bei dieser Rekonstruktion der deutschen Nachkriegsgeschichte handelt es sich nicht um eine völlig neue Publikation, sondern um die Wiederaufnahme älterer, gleichwohl erweiterter und umgebauter Texte, deren Entstehung bis in die 80er-Jahre zurückreicht. Dabei betont der Autor, dass er keine Geschichte Deutschlands schreibe. Denn Deutschland existiere als Nationalstaat schlicht nicht mehr – oder werde zumindest vom Welt umspannenden Kapitalismus überlagert. „Die gesamtdeutsche Geschichte wurde irgendwann zwischen 1945 und 1949 abgebrochen und 1990 nicht wiederhergestellt. Übrig blieb eine Region innerhalb des Kapitalismus – sagen wir: wie Katalonien“ (7). Dieser Befund gelte für alle anderen Nationalstaaten, die nur noch als (Welt-)Regionen zu identifizieren seien. Folgerichtig plädiert Fülberth im neu geschriebenen Schlusskapitel für eine Hinwendung „von der National- zur Regionalgeschichte“ (277 f.). Dieses Buch ist nicht ohne Standpunkt – und Fülberth benennt diesen auch gleich am Anfang unzweideutig, in der vorangestellten „Gebrauchsanweisung“. So weiß der Leser gleich zu Beginn, welche Perspektive dominiert: Bis 1990 wird auf der Grundlage der Systemauseinandersetzung von zwei Gesellschaften (DDR und BRD) ausgegangen, die nicht von einer „deutschen Frage“ überlagert dargestellt werden, sondern immanent, d. h. „keine dient als Maßstab der jeweils anderen“ (11). Nach dem Ende der Systemkonkurrenz, also „ab 1990 dominiert die ‚kapitalistische‘ Frage“ (7). Folgerichtig wechseln zunächst, von 1945 bis 1990, Darstellungen aus den jeweiligen Entwicklungsphasen der beiden Deutschlands einander ab. Die letzten knapp 20 Jahre stehen dann unter dem Eindruck des Endes der Zweistaatlichkeit und des Aufgehens Deutschlands in die kapitalistische Globalisierungsgeschichte von heute. Ist die Gebrauchsanweisung erst einmal verstanden und hat man die Prämissen als Erkenntnis leitende Strukturierung akzeptiert, ergeben sich interessante, bisweilen auch neue und überraschende Einsichten in die jüngere deutsche Vergangenheit und in die gegenwärtige Lage.
Rainer Benthin (RB)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Institut für Soziologie, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.31 | 2.313 | 2.314 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Rainer Benthin, Rezension zu: Georg Fülberth: Finis Germaniae. Köln: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9024-finis-germaniae_32177, veröffentlicht am 21.10.2008.
Buch-Nr.: 32177
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Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Institut für Soziologie, Universität Jena.
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