/ 05.06.2013
Dirk Alexander Reder
Frauenbewegung und Nation. Patriotische Frauenvereine in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert (1813-1830)
Köln: SH-Verlag 1998 (Kölner Beiträge zur Nationsforschung 4); 600 S.; geb., 98,- DM; ISBN 3-89498-044-3Während der Befreiungskriege gegen Napoleon 1813-1815 gründeten engagierte Frauen aus Bürgertum und Adel vielerorts in Deutschland "patriotische Frauenvereine", um so - da sie nicht selber kämpfen durften - an der Sache der Nation partizipieren zu können. Diese rund 600 meist demokratisch organisierten Vereine rüsteten u. a. freiwillige Soldaten mit Waffen und Kleidung aus, stellten Verbandsmaterial her, kümmerten sich um Invaliden, Witwen oder Waisen. Nach dem Krieg wollten die Frauen die so gewonnenen neuen Handlungsspielräume nicht wieder verlieren und suchten sich neue Aufgaben wie "Industrieschulen" zur Ausbildung armer Mädchen, Suppenküchen, "Kleinkinderbewahranstalten", Unterstützung von Wöchnerinnen und kranken Frauen (letzte Umschlagseite).
Um der Bekämpfung ihres Engagements - sie sollten wieder zurück zu ihrer "natürlichen" Bestimmung - durch Öffentlichkeit und Behörden zu entgegnen, führten die Frauen nach dem nach Kriegsende obsolet gewordenen Legitimationsgrund "Nation" andere Rechtfertigungen an, z. B. Mutterliebe, Mütterlichkeit, Mitleid (483), die der traditionellen Rollenzuschreibung nicht widersprachen. Das ermöglichte ihnen weiterhin das "Mit-Machen"-Können (482). Aber: "Indem die Frauenvereine die Geschlechtertrennung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft übernahmen, verstärkten und reproduzierten und ihr Engagement und ihre Energie in scheinbar selbstlose Aktionen und 'unpolitische' Räume ableiten, stabilisierten sie langfristig den bürgerlichen Patriarchalismus." Dennoch standen mit dem "Modell des Frauenvereins eine Organisationsform und ein Partizipationsmodell zur Verfügung, das bis ins 20. Jahrhundert hinein erfolgreich für die verschiedensten Zwecke genutzt wurde und wird." (484) Diese umfangreiche, detaillierte und beeindruckende Studie schließt mit einem 215seitigen Anhang, der u. a. eine Liste der nachgewiesenen Frauenvereine in Deutschland 1813-1815 und ein achtzehnseitiges Register enthält.
Inhaltsübersicht: I. Einleitung: Patriotische Frauenvereine - Frauen, Nation und bürgerliche Gesellschaft. II. Die Frauenvereine in ihren Regionen: 1. Frauenvereine in Berlin; 2. Frauenvereine im Rheinland; 3. Frauenvereine in Sachsen-Weimar-Eisenach. III. Die Struktur der Frauenvereine: 1. Die Mitglieder; 2. Statuten und Finanzen; 3. Überregionale Organisationen; 4. Überregionale Medien. IV. Die Entwicklung der Frauenvereine 1813-1830: 1. Die Befreiungskriege; 2. Frauenvereine und Pauperismus; 3. Frauenvereine und Religion; 4. Ausblick in den Vormärz. V. Frauenvereine, Nationalbewegung und Bürgerliche Gesellschaft: 1. Frauenvereine und Nationalbewegung; 2. Frauenvereine und Bürgerliche Gesellschaft - Konflikte und Widerstände. VI. Emanzipation oder Rückschlag?
Petra Beckmann-Schulz (Bm)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.36 | 2.331 | 2.311
Empfohlene Zitierweise: Petra Beckmann-Schulz, Rezension zu: Dirk Alexander Reder: Frauenbewegung und Nation. Köln: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7354-frauenbewegung-und-nation_9795, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9795
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Dr., Politikwissenschaftlerin.
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