/ 06.06.2013
Marie Jean Antoine Nicolas Caritat Marquis de Condorcet
Freiheit, Revolution, Verfassung. Kleine politische Schriften. Hrsg. von Daniel Schulz
Berlin: Akademie Verlag 2010 (Schriften zur europäischen Ideengeschichte 4); 276 S.; 69,80 €; ISBN 978-3-05-004461-3Anders als die mathematischen und die geschichtsphilosophischen Arbeiten sind viele der politischen Werke des Marquis de Condorcet heute weitgehend vergessen oder nur mehr einer Fachwelt bekannt, die zu deren Erschließung zudem noch eine sprachliche Barriere zu überwinden hat, denn die meisten seiner Schriften liegen nur auf Französisch vor. Einige davon präsentiert der Herausgeber nun in einer neuen Übersetzung, wobei bereits der Titel Aufschluss über die innere Struktur des Bandes gibt. Der sehr umfangreichen Einleitung, in der sich Schulz den Kernthesen des Condorcet’schen Denkens zuwendet, folgen die drei Hauptkapitel „Freiheit”, „Revolution” und „Verfassung”, die sich wiederum aus einzelnen Abhandlungen zusammensetzen. Insgesamt zehn Aufsätze, die sich unter anderem gegen die Sklaverei wenden, sich mit dem Despotismus oder mit der Bedeutung des Wortes „revolutionär” auseinandersetzen, hat Schulz zusammengeführt. Auch Condorcets Entwurf für eine französische Verfassung befindet sich darunter. Die Bedeutung des großen Aufklärers liegt für ihn dabei nicht nur darin, dass er einer der ersten war, der sich für die Verleihung der Bürgerrechte an Frauen einsetzte, sondern dass er zugleich Distanz zu den radikal-demokratischen Positionen Dantons und Robespierres wahrte. Ihm waren die institutionellen Verfahren wichtiger als die Eruption der Macht, womit er Hannah Arendt das Argument vorwegnahm, dass eine richtige Revolution in eine „institutionell gesicherte Form der Freiheit” (19) münden müsse. Und im Gegensatz zur jakobinischen Vorstellung, dass den Menschen staatsbürgerliche Tugenden und Werte zu indoktrinieren seien, war in seinem Denken die Förderung der freien Urteilskraft bestimmend, durch die diese schließlich hätten erkennen können, ob ein Gesetz ihre grundlegenden Rechte verletzt. Mit diesem Band, dem viele Leser zu wünschen sind, gelingt es Schulz, eine Perspektive zu eröffnen, aus der hervorgeht, dass das Denken der Französischen Revolution aus weitaus mehr bestand, als es der bekannte Blutrausch der Jakobiner glauben machen will.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 5.33
Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Marie Jean Antoine Nicolas Caritat Marquis de Condorcet: Freiheit, Revolution, Verfassung. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9099-freiheit-revolution-verfassung_37088, veröffentlicht am 02.08.2010.
Buch-Nr.: 37088
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M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
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