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/ 21.06.2013
Murat Kurnaz

Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo

Berlin: Rowohlt 2007; 288 S.; 16,90 €; ISBN 978-3-87134-589-0
Ex-Innenminister Otto Schily begründete das Vorgehen der deutschen Behörden gegenüber den in Guantanamo Bay inhaftierten Murat Kurnaz: „Stellen Sie sich vor, wir hätten ihn nach Deutschland gelassen und er hätte einen Anschlag vorbereitet.“(285) Mit der Schilderung seiner fünfjährigen Gefangenschaft in Kandahar und Guantanamo Bay vermittelt Kurnaz auf beklemmende Weise die Gegenperspektive: die Vorstellung, jemand wird ohne Prozess und seiner elementaren Grundrechte beraubt, gegen den Grundsatz der Unschuldsvermutung jahrelang eingekerkert und gefoltert. Sachlich und präzise schreibt er über diese Jahre und nur selten mischen sich Verbitterung oder Hass gegenüber den Peinigern in die Zeilen. Im Ergebnis steht ein erschreckender Einblick in das „System Guantanamo“, welches Rechtlosigkeit zum Grundsatz erhebt und Menschenverachtung und Folter als legitime Mittel im politischen und militärischen Kampf ansieht. Dieses System steht als pars pro toto für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus nach dem 11. September 2001, dessen Auswüchse fundamentale Prinzipien des Rechtsstaates missachten und zerstören. Deutlich wird nicht nur das Versagen amerikanischer Politik angesichts der Bedrohung, sondern, konkret in der Person des in Deutschland geborenen Türken Kurnaz, auch das Versagen deutscher Politik. Als Quelle wie auch als erschütternde Mahnung sind Kurnaz‘ Erinnerungen von höchstem Wert.
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 4.412.644.22.3 Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Murat Kurnaz: Fünf Jahre meines Lebens. Berlin: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27708-fuenf-jahre-meines-lebens_32539, veröffentlicht am 03.12.2007. Buch-Nr.: 32539 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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