/ 20.06.2013
Nils Havemann
Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2005; 473 S.; geb., 19,90 €; ISBN 3-593-37906-6Die bisherige zeithistorische Forschung hat den Deutschen Fußball-Bund während des Dritten Reiches in dualistischer Manier entweder als politisch unbefleckt oder hingegen als willigen Handlanger des nationalsozialistischen Regimes dargestellt. An diesem ambivalenten Befund hatte der DFB selbst seinen Anteil: Denn seit über dreißig Jahren ist der DFB immer wieder aufgefordert worden, seine Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 in den Blick zu nehmen. Erst im Jahr 2001 aber entschied er sich, eine unabhängige und auf umfassender Archivkenntnis beruhende Studie in Auftrag zu geben. Herausgekommen ist eine differenzierte Studie, in der der Mainzer Historiker Havemann auf der Basis von bislang unbekannten Dokumenten aus über 40 Archiven im In- und Ausland das Verhalten des Deutschen Fußball-Bundes gegenüber der NS-Diktatur untersucht hat. Ihr wichtigster Befund: Nicht gemeinsame ideologische oder politische Ordnungsvorstellungen machten den Verband gegenüber dem NS-Regime willfährig, sondern vor allem der Funktionärsegoismus und das Bestreben zu wachsen. Weder ist das Bild vom genuin antidemokratischen, den Nationalsozialismus freudig begrüßenden DFB stichhaltig noch die Behauptung, der Verband habe sich gegen die Politisierung des Sports nach Kräften gewehrt. Zwar waren wie in vielen anderen Sportarten auch hier nationalistische und militaristische Untertöne mit im Spiel: Fußballspielen fördere die Opferbereitschaft, die Wehrkraft oder die Volksgesundheit. Was den Verband in der Zeit des Nationalsozialismus aber vorwiegend umtrieb war das Bemühen, bei aller formellen Ablehnung einer Kommerzialisierung des Fußballs, zugleich immer neue Einnahmequellen für die eigene Organisation zu erschließen. Mit großer Nüchternheit schreibt Havemann vor dem Hintergrund dieser Motivlage eine Fallstudie des Opportunismus von Lobbyisten und Funktionären, die unter totalitären Umständen ihr Fortkommen verfolgen. Sehr vielfältig waren dabei die individuellen Motive für das Mitmachen, Wegschauen und Achselzucken gegenüber dem Regime.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz. Frankfurt a. M./New York: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24707-fussball-unterm-hakenkreuz_28550, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28550
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
CC-BY-NC-SA