/ 05.06.2013
Christopher R. Browning
Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen. Mit einem Nachwort (1998). Deutsch von Jürgen Peter Krause
Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1999; 331 S.; 16,90 DM; ISBN 3-499-60800-6Brownings einschlägige und folgenreiche Studie über die Beteiligung des Hamburger Polizeibataillons 101 an der Vernichtung der Juden in Polen 1942 und 1943 erscheint mit diesem Band als erweiterte Neuausgabe. Die sozialpsychologische Interpretation der Massenmorde fand 1992 in der Fachwelt weithin Beachtung, eine breitere Öffentlichkeit wurde durch Daniel Jonah Goldhagens Interpretation des gleichen Quellenmaterials (in: Hitlers willige Vollstrecker, 1996, siehe Zpol 4/96: 1.136 f.) aufmerksam. Beide Studien unterscheiden sich in ihrem Ansatz grundlegend.
Der explizit monokausalen Erklärung bei Goldhagen (eine antisemitische Grundhaltung habe die Polizeisoldaten zu ihren Mordtaten motiviert) steht die Analyse dieses Bandes gegenüber. Bei der Suche nach Erklärungen dafür, wie die Männer dazu kommen konnten, Massenerschießungen vorzunehmen, differenziert der Autor innerhalb des Bataillons und weist auf unterschiedliche Erklärungsmöglichkeiten hin: einerseits auf die wachsende Abstumpfung der Mörder und die zunehmende "Routine" des Mordens, andererseits auf den Gruppendruck und die Befehls- und Gehorsamsstrukturen.
In einem für die Neuausgabe (Annotation der Erstauflage siehe ZPol 3/96: 734) geschriebenen Nachwort diskutiert der Autor ausführlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen seiner und Goldhagens Studie und nimmt zu dessen Kritik an seinem Buch Stellung. Unter Heranziehung einschlägiger Fachliteratur bezweifelt er Goldhagens These, ein "eliminatorischer Antisemitismus" sei in Deutschland schon vor dem NS-Regime vorhanden gewesen und durch dieses nur manifest geworden. Er zeigt, wie Goldhagen das widersprüchliche Quellenmaterial einseitig auswählt und nur in einem Sinne ausgelegt habe. Er führt aus, wie Goldhagen mögliche Vergleiche mit anderen Ländern oder Tätern aus anderen Nationen unterlassen mußte, um seine These nicht zu gefährden. Letztlich kritisiert er überzeugend, Goldhagen habe seine selbst gesetzten sozialwissenschaftlichen Standards nicht eingehalten. In diesem Zusammenhang skizziert er noch einmal seinen eigenen Forschungsansatz und erläutert dessen Gültigkeitsbereich und Relevanz.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Reinbek: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8199-ganz-normale-maenner_10815, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 10815
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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