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/ 06.06.2013
Albrecht von Kessel

Gegen Hitler und für ein anderes Deutschland. Als Diplomat in Krieg und Nachkrieg. Lebenserinnerungen. Hrsg. von Ulrich Schlie, unter Mitarbeit von Stephanie Salzmann

Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2008; 234 S.; geb., 24,90 €; ISBN 978-3-205-77465-5
In seinem Vorwort verweist bereits Richard von Weizsäcker darauf, dass die hier vorgelegten Erinnerungen in die Reihe politischer, aktenmäßig abgesicherter Memoirenliteratur gehören, was sie einer verlässlichen wissenschaftlichen Nutzung öffnet. Die Erinnerungen von Kessels reichen von seinem Eintritt in den Auswärtigen Dienst 1927 bis zu dessen Quittierung 1959. In ihnen spiegelt sich unter anderem die Entstehung seines Widerstands gegen Hitler. Als Teil des Freundeskreises um Adam von Trott konnte er als enger Mitarbeiter Ernst von Weizsäckers bei der deutschen Gesandtschaft im Vatikan den Widerständlern Verbindung zur freien Welt ermöglichen. Und auch von Kessel wäre wohl nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet worden, hätten ihm die vatikanischen Mauern sowie die auf Rom vorrückenden alliierten Truppen nicht Schutz geboten. Zu den politischen Hoffnungen, die von Weizsäcker als Botschafter im Vatikan hegte, kommentiert von Kessel: „Wie alle in rein protestantischer Umgebung Aufgewachsene setzen sie Kurie als eine Art Staatsverwaltung und Kirche als zur Substanz geronnene Religion gleich und überschätzen das politische Interesse des Vatikans […] sowie seine Stärke“ (59). Was die politische Haltung Papst Pius XII. anbelangt, die insbesondere in der Kontroverse um Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ diskutiert wurde, lässt von Kessel erkennen, dass er den Umgang mit Pius XII. als zu polemisch empfindet. Die letztlichen Ursachen für das Scheitern des Widerstands sieht von Kessel im zu langen Zögern sowie dem erzwungenen Selbstmord Rommels, dessen Charisma man unbedingt benötigt hätte. Im Kontext der Deutschen Frage warf von Kessel der politischen Führung um Adenauer, Hallstein und Brentano vor allem vor, den Status quo zu verteidigen, anstatt zu versuchen, ihn zu überwinden. So formuliert Schlie in seiner Einführung: „Mit seinen ostpolitischen Vorstellungen wurde er [von Kessel] zu einem Wegbereiter der Ostpolitik der Ära Brandt-Scheel“ (27). Zum näheren Umfeld von Kessels zählte auch Egon Bahr, der Schöpfer der Formel „Wandel durch Annäherung“.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.34.212.312 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Albrecht von Kessel: Gegen Hitler und für ein anderes Deutschland. Wien/Köln/Weimar: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9081-gegen-hitler-und-fuer-ein-anderes-deutschland_36044, veröffentlicht am 05.05.2009. Buch-Nr.: 36044 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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