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/ 18.06.2013
Ilko-Sascha Kowalczuk

Geist im Dienste der Macht. Hochschulpolitik in der SBZ/DDR 1945 bis 1961

Berlin: Ch. Links Verlag 2003 (Forschungen zur DDR-Gesellschaft); 604 S.; brosch., 24,90 €; ISBN 3-86153-296-4
Diss. Potsdam; Gutachter: C. Kleßmann, P. Steinbach. - Etwa 15 Jahre nach Kriegsende „waren sich die herrschenden Kommunisten in der DDR weitgehend einig, dass die ‚sozialistische' Intelligenz überwiege und nur noch Rudimente der alten Intelligenz existieren" (9). Wer zählte dazu? Nach marxistisch-leninistischer Lesart habe die SED die Intelligenz als eine soziale Schicht definiert und ihr Berufsgruppen wie Hochschullehrer, Ärzte, Juristen, Techniker und Künstler zugeordnet. Sie seien bewusst sozial besser gestellt worden als der Durchschnitt, um sie an das System zu binden. Eine wichtige Rolle für die Rekrutierung einer Intelligenz, die sich der Arbeiterklasse verbunden gefühlt habe, sei aus Sicht der SED den Hochschulen zugekommen. Kowalczuk beschreibt deshalb ausführlich die Wiederaufnahme des Hochschulbetriebs nach 1945 und die ideologisch motivierten Eingriffe in das Bildungswesen, zu denen auch die Versuche gehören, aus den Universitätsangehörigen eine „Kaderreserve" (404) der Armee zu machen. Dem widerständigen Verhalten beispielsweise einzelner Professoren oder Studenten auf der einen und der Repression auf der anderen Seite hat der Autor ausdrücklich viel Platz eingeräumt. Anders wäre die Herausbildung der neuen Intelligenz historisch nicht zu erklären, schreibt Kowalczuk. Gerade mit der Schilderung von ausgewählten Lebensläufen wird sehr deutlich, dass die SED zwar die Hochschulen nach spezifischen ideologischen Vorgaben aufbauen wollte, die Wirklichkeit gerade aber in der Zeit vor dem Mauerbau oftmals komplizierter war - bis hin zur Berufung eines dem Kolonialismus anhängenden Afrikanistik-Professors aus dem Westen. Wie sozialistisch also waren die Angehörigen dieser angeblich neuen Intelligenz? Kowalczuk zeigt, dass sie sich - sofern sie nicht republikflüchtig wurden - angesichts von Krisen wie dem 17. Juni 1953 in der großen Mehrheit öffentlich zurückhielten. Der Autor bezeichnet sie abschließend mit einem Ausspruch Ortega y Gassets als „geborene Egoisten" (566).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ilko-Sascha Kowalczuk: Geist im Dienste der Macht. Berlin: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18906-geist-im-dienste-der-macht_21934, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 21934 Rezension drucken
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