/ 21.06.2013
Wolfgang Kersting
Gerechtigkeit und öffentliche Vernunft. Über John Rawls' politischen Liberalismus
Paderborn: mentis Verlag 2006; 185 S.; kart., 29,80 €; ISBN 978-3-89785-535-9Das Buch „Politischer Liberalismus“ von John Rawls nimmt der Kieler Philosoph Kersting zum Anlass, sich mit der Rechtfertigung des Liberalismus für moderne pluralistische Gesellschaften zu befassen. Kersting legt damit eine kritische Interpretation des zweiten Hauptwerks von Rawls (nach der „Theorie der Gerechtigkeit“, 1971) und des politischen Liberalismus allgemein vor. Insbesondere wendet er sich gegen Rawls’ Strategie, einen liberalen Grundkonsens ohne moralische Begründung, gleichsam nur als streitschlichtende politische Praxis in einer pluralistischen Demokratie, zu begreifen. Rawls geht wie Habermas davon aus, dass in der Moderne es die Vielfalt der verschiedenen Wertvorstellungen und Kulturen unmöglich macht, allgemeine Prinzipien für alle soziale Gruppen aufzustellen. Rawls’ Liberalismuskonzept versteht sich daher als vermittelnder, friedens- und ordnungsstiftender Minimalkonsens ohne Richtigkeitsanspruch. Doch allein auf die „Integrationseffizienz“ (18) einer Liberalismusversion zu setzen, greift nach Ansicht von Kersting zu niedrig. Toleranz und Neutralität gegenüber unterschiedlichen Konfessionen, Glücks- und Wertvorstellungen seien mehr als eine pragmatische Kooperationsgrundlage zeitgenössischer Demokratien. Mit Charles Larmore plädiert er dafür, das Neutralitätsgebot des Liberalismus als politisches Gut zu begründen, das dem „menschenrechtlichen Egalitarismus“ (167) entspringt, und das es zu verteidigen lohnt. Doch „der Wert, den der Liberalismus der Neutralität beimißt, darf nicht Anlaß sein, den Liberalismus selbst für moralisch neutral zu halten“ (168). Kersting bringt seine Argumentation klar und eingängig vor. Die Leser werden sowohl in Grundprobleme liberaler Demokratietheorie eingeführt als auch zu einer prinzipienorientierten Reflexion darüber eingeladen, wie politische Ordnung in multikulturellen Gesellschaften gestiftet werden kann und soll.
Tine Hanrieder (CTH)
M. A., wiss. Assistentin, Geschwister-Scholl-Institut, LMU München.
Rubrizierung: 5.43 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Tine Hanrieder, Rezension zu: Wolfgang Kersting: Gerechtigkeit und öffentliche Vernunft. Paderborn: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26962-gerechtigkeit-und-oeffentliche-vernunft_31465, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31465
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M. A., wiss. Assistentin, Geschwister-Scholl-Institut, LMU München.
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