/ 20.06.2013
Michel Foucault
Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977-1978. Hrsg. von Michel Sennelart. Aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2004; 600 S.; geb., 38,- €; ISBN 3-518-58392-1Foucault hat seine beiden, zeitgleich auf Deutsch und Französisch erschienenen Vorlesungen jeweils von Januar bis April der Jahre 1978 und 1979 gehalten. Sie bauen aufeinander auf, sind dank zahlreicher Rückblenden und Wiederholungen aber auch unabhängig voneinander verständlich. Jedem Band ist eine Zusammenfassung der in ihm enthaltenen Vorlesung aus Foucaults eigener Hand sowie ein (je identischer) Text des Herausgebers beigegeben, der beide Vorlesungen systematisiert und in den Kontext von Foucaults Werk einordnet. Zudem ist Foucaults mündliche Rede nicht nur gut verständlich, sondern darüber hinaus auch häufig numerisch strukturiert und so leicht erschließbar. Foucault untersucht den Wechsel in der „Regierungskunst“ von der eher merkantilistischen Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts und die theoretische Herausbildung des Liberalismus in der Mitte des 18. Jahrhunderts, um dann in das 20. Jahrhundert zu springen und dessen Regierungslogik am Beispiel von Neo- und Ordoliberalismus aufzuarbeiten. Foucault nähert sich damit der Gegenwart so sehr an wie in keinem anderen seiner genealogischen Texte. Im Zuge einer allgemeinen Untersuchung dessen, was Regieren sei, analysiert Foucault in Band 1 (1978) den aus dem Orient stammenden „pastoralen Typus“ (185) des Regierens, der als eine Art christliches Hirtenamt im Mittelalter vorherrschend gewesen sei. Die Krise des Pastorats im 16. Jahrhundert führte zur Herausbildung eines neuen Typus, der aufs Engste mit dem Begriff der „Staatsraison“ verbunden war. Auf der Grundlage dieses Begriffes entwickelten die deutschen Merkantilisten und die französischen Physiokraten im 17. und 18. Jahrhundert ein etatistisches Regierungsmodell, dessen umfassenden Kontrollanspruch Foucault durch eine ausführliche Analyse des alten Policey-Begriffs veranschaulicht. Durch die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche hindurch hatte die Policey die Aufgabe, „im Grunde alle Formen der Koexistenz der Menschen untereinander zu steuern“ (469). Im Verlauf des 18. Jahrhunderts beginnen die Theoretiker der neuen politischen Ökonomie jedoch, sich dieser Regulierungswut entgegen zu stellen.
Stefan Militzer (SM)
Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42 | 5.43
Empfohlene Zitierweise: Stefan Militzer, Rezension zu: Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität I. Frankfurt a. M.: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22640-geschichte-der-gouvernementalitaet-i_25833, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25833
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Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
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