/ 20.06.2013
Michel Foucault
Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Hrsg. von Michel Sennelart. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2004; 517 S.; geb., 38,- €; ISBN 3-518-58393-XDie Vorlesung steht im Zeichen der liberalen Regierungskunst und der Untersuchung dessen, wie und mit welchen Folgen sie sich gegen die Regierungskunst der Staatsräson durchgesetzt hat. Foucault unterstreicht die Überzeugung der politischen Ökonomen, nach der das soziale, wirtschaftliche Leben einer Gesellschaft am besten ohne jeden staatlichen Einfluss prosperiert. Das „invisible hand“-Theorem von Adam Smith ist die dafür wohl bekannteste Formulierung. Mit Blick auf die Regierungspraxis bedeutet das zum einen, dass die „Weisheit des Fürsten“ von der „Herrschaft der Wahrheit“ abgelöst wird, „die in groben Zügen heute immer noch dieselbe ist“ (36). Das heißt aber zum anderen, dass die Regulierung sozioökonomischer Praxen gar kein Gegenstand politischer Gestaltung sein kann, ja, nicht einmal sein darf. Mit der Durchsetzung der liberalen Regierungskunst würde die Politik also nahezu sinnlos werden. Die umfangreichen Kapitel, in denen Foucault den deutschen Ordoliberalismus (Freiburger Schule) und den amerikanischen Neoliberalismus (Chicagoer Schule) untersucht, machen jedoch deutlich, dass eine gesellschaftlich neutrale Politik weder theoretisch gewünscht noch faktisch realisiert wird. Im Gegenteil: Foucault schließt seine Vorlesungen stattdessen damit, den komplexen Zusammenhang von Recht und Wirtschaft zu erläutern, für dessen Bezeichnung sich schon im späten 18. Jahrhundert der Begriff „bürgerliche Gesellschaft“ (393) herausgebildet hatte. In ihr, so Foucault, befindet sich aus dem Grund der „Geburtsort der Politik“ (430), weil hier die Interessenlogik des Homo oeconomicus und die Naturrechtslogik des Rechtssubjekts in einer unaufhebbaren Spannung zueinander stehen. Damit hat Foucault nach eigener Überzeugung den Boden für eine Untersuchung der zeitgenössischen Biopolitik geleistet, von dieser selbst zu seinem eigenen Bedauern allerdings nicht gesprochen. Dennoch wird hier eine Dimension des Foucault'schen Denkens greifbar, über die schon viel diskutiert wurde, deren äußerst inspirierende Lektüre jedoch bislang noch nicht möglich war.
Stefan Militzer (SM)
Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42 | 5.43
Empfohlene Zitierweise: Stefan Militzer, Rezension zu: Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität II. Frankfurt a. M.: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22641-geschichte-der-gouvernementalitaet-ii_25834, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25834
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Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
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