/ 17.06.2013
Reinhart Kößler / Hanns Wienold
Gesellschaft bei Marx
Münster: Westfälisches Dampfboot 2001; 314 S.; 24,80 €; ISBN 3-89691-510-XDas Ziel von Wienold, Professor für Soziologie und Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Münster, und Kößler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an derselben Universität, ist eine Reaktualisierung von Marx, mit der sie sich gegen die aktuelle Tendenz in der Soziologie wenden, Gesellschaft in Kommunikation aufzulösen und das Problem der sozialen Ungleichheit zu übersehen (siehe 17, 259). Der Band, der auf einem an der Fernuniversität Hagen angebotenen Kurs unter demselben Titel beruht, behandelt in seinen zwei Hauptteilen zunächst die Vergesellschaftung der Arbeit sowie ihren Zusammenhang mit der Werttheorie und dann die Marx'sche Geschichtstheorie unter besonderer Berücksichtigung der Klassentheorie und der Bedeutung des Staates für die Ausübung der Klassenherrschaft. In einem abschließenden Kapitel betonen die Autoren die Relevanz der Marx'schen Theorie für eine fundierte Kritik der Globalisierung.
Diese praktische Relevanz liegt nach Ansicht der Autoren im Anliegen von Marx begründet, der die theoretische "Analyse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft" (21) mit dem "höchst praktisch gemeinte[n] Anliegen" verband, alle bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse umzuwerfen und den Menschen aus Unterdrückung und Knechtschaft zu befreien (18). Dabei ging es Marx vor allem um das Aufzeigen der inneren Widersprüche des Kapitalismus und nicht um den utopischen Entwurf einer neuen sozialistischen Gesellschaft. Aus diesem Grund, und weil Marx "für sich kein Erkenntnisprivileg in Anspruch nahm" (20), haben sich die Kommunisten sowjetischer Prägung zu Unrecht auf ihn berufen, sodass deren Scheitern kein Scheitern der Marx'schen Theorie impliziert (siehe z. B. 11). Dabei übersehen die Autoren jedoch, dass nach Marx die Befreiung des Menschen erst nach einer Phase der Diktatur des Proletariats erfolgt, die er in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 als "rohen Kommunismus" bezeichnet, der auf gewaltsame Weise alle Talente vernichtet, bevor im vollendeten Kommunismus der neue, befreite Mensch erstehen kann (Marx-Engels-Werke Bd. 40 [534 ff.]). Es ist ein Irrtum zu meinen, dass man Marx' Freiheit ohne GULag haben könnte - was darauf hindeutet, wie problematisch sein Begriff von Freiheit ist.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.33
Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Reinhart Kößler / Hanns Wienold: Gesellschaft bei Marx Münster: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15584-gesellschaft-bei-marx_17768, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17768
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Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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